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02
Mrz

Trapptrapptrapp

Das letzte Mal ist fast ein Jahr her, damals hatte ich gute Vorsätze. Vorsätze, Schmorsätze. Seitdem ist viel passiert, vor allem ist viel nicht passiert, ich habe aufgehört zu rauchen, gelaufen bin ich kein einziges Mal mehr, ich habe den kompletten Winter über nur auf meinem stetig dicker werdenden Hintern gesessen und mich nicht bewegt. Keine Sorge, das wird jetzt kein Figurgejammer, das wäre auch albern, ich bin ja nicht dick, aber Tatsache ist halt, dass mir keine Hose mehr passt. Jenun, dafür rauche ich nicht mehr, und Röcke sind ja auch schön.
Jedenfalls sagt heute der Mann, ich geh laufen, und ehe ich michs versehe, sage ich, ich geh mit, und im selben Moment sucht mein Hirn schon fieberhaft nach einem triftigen Grund, warum ich keinesfalls heute laufen kann. Zum Beispiel weil morgen Steppen ist, zum zweiten Mal in der neuen Steppschule, ich habe nämlich gewechselt, und das macht ja einen ganz schlechten Eindruck, wenn ich da Muskelkater habe. Alte, das ist das Dämlichste, was Du seit langem gedacht hast, und Du hast viel Dämliches gedacht in letzter Zeit, Du bist ein faules Stück, sieh zu, dass Du Deine Laufhose angezogen kriegst. Da haben wir natürlich gleich das nächste Problem, und das ist jetzt wirklich ein Problem, die Winter-Laufhose mit passender Jacke ist von Tchibo, bzw. die Jacke passt zwar zur Hose, aber mir nicht, sie ist viel zu groß, warum habe ich die bloß so riesig gekauft?, und Tchibo wäre ja noch zu verkraften, was aber wirklich richtig schlimm ist: der Mann läuft im gleichen Ensemble. Da muss dringend was getan werden, wir können sonst nicht mehr im Winter zusammen laufen, das ist mir sogar peinlich, wenn wir niemand Bekanntem begegnen. Und alleine laufe ich nicht, weil ich, aber das erwähnte ich schon, eine faule Sau bin.
Natürlich bin ich schon an der Ampel aus der Puste und an der Ecke beim Rhythmus zwei Schritte einatmen und vier aus. An der nächsten Ecke begegnen uns die Nachbarn, die direkten Nachbarn, die mit der riesengroßen Fitnessstudiowerbung auf dem Auto. Sie sehen, dass wir Tchibo-Laufsachen im Partnerlook anhaben, wir können jetzt leider nie wieder nach Hause. Ich verbringe ein paarhundert Meter mit Schämen, dann fällt mir ein, dass Uncool ja das neue Cool ist, allerdings kann ich einen leisen Zweifel daran, dass das auch für Partnerlook gelten soll, nicht unterdrücken. Als nächstes fällt mir auf, dass ich zwar nicht mehr kann, aber nicht so sehr nicht mehr kann, dass ich wirklich nicht mehr könnte, sondern dass es im Gegenteil ganz gut läuft, haha. Ich bin immer furchtbar schnell aus der Puste, offenbar macht es auch keinen Unterschied, dass ich nicht mehr rauche, und dann habe ich das Gefühl, nicht mehr zu können, kann aber tatsächlich noch erstaunlich lange. Der reizende Mann läuft neben mir her, natürlich sehe ich ihm an, dass er eigentlich schneller laufen würde und eine weitere Strecke, aber er sagt, das mache gar nichts, und außerdem behauptet er, ich würde doch ganz fit aussehen. Das ist natürlich eine Lüge, ich weiß, dass ich eine knallrote Rübe habe, wird sich hübsch machen zu der grauen Tchibojacke. Und so sind wir schon am Park angekommen und laufen hindurch, und tatsächlich nehme ich sogar wahr, dass die Kroken blühen und die Vögel zwitschern, und als wir am Ententeich vorbeikommen, fange ich an, Element of Crime vor mich hinzudenken, ein Eiertanz, immer linksherum, ein halbwegs Erwachsener stellt sich dumm, am Ententeich, im Frühling im vorigen Jahr. Und schon sind wir durch und auf dem Rückweg, ich stelle erstaunt fest, dass mir das Knie nicht wehtut, dass ich keine Seitenstiche habe, dass mein Fuß nicht knackt, was ist denn bloß los mit mir? Dreihundert Meter vor der Haustür sagt der Mann, läuft doch super, ja, sage ich, erstaunlich, komm, sagt er, lass uns umdrehen, noch eine Runde. Mach doch, sage ich, aber gib mir vorher den Hausschlüssel, nee, sagt er, war nur Spaß, und dann biegen wir um die Ecke, es geht ein wenig hügelan und plötzlich erwischt uns Emma mit voller Wucht von vorn, die blöde Kuh, auf den vorletzten hundert Metern, und als wir zu Hause ankommen, bin ich sehr froh. Dass ich laufen war und dass ich jetzt wieder zu Hause bin. Tatsächlich könnte man bald die Runde im Park ein bisschen vergrößern, mit einer guten halben Stunde kann man ja nun niemanden beeindrucken, nicht mal mich selbst, und ich habe natürlich schon wieder Vorsätze, Schmorsätze. Zum Beispiel könnte ich mir vornehmen, es irgendwann um die Alster zu schaffen, das Problem ist nur, da müsste ich auch noch erst mit dem Fahrrad hin, und, schlimmer: auch wieder zurück. Schwierig. Aber mit dem Auto zum Joggen zu fahren ist selbst mir zu blöd, zumal wir gerade gar kein Auto haben. Bevor ich mich um die Alster traue, müsste ich sowieso erstmal Laufsachen kaufen, oder es muss halt Sommer werden. Wie weit mag das sein, einmal um die Alster?

isabo · 22:55h · comment · 12  ·

 

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