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01
Okt

Jury

(Und damit ist dann auch Schluss mit dem aufregenden September)

Es ist nicht einfach. Fast 250 Bewerber, ich muss erstmal nur 50 lesen und die besten acht raussuchen. Morgen stellen alle Jurymitglieder einander ihre Favoriten vor, dann muss ich noch mal so viel lesen, alle Favoriten der anderen Juroren. Dann irgendwann die zweite Jurysitzung mit Entscheidungsfindung.
Stelle fest: ich weiß fast immer sofort, oder glaube zu wissen, ob ein Text von einem Mann oder einer Frau stammt. Ich kenne die Namen der Autoren nicht, habe nur anonyme Nummern und kann meine Urteile nicht überprüfen. Stelle außerdem fest: dass ich so meine Schwierigkeiten mit Lyrik habe, das ist allerdings nichts Neues, und dass bei Lyrik verdammt noch mal der Rhythmus alles entscheidet, auch das ist natürlich nichts Neues. Weitere Feststellungen: die Qualität der eingereichten Bewerbungen ist erstaunlich hoch – man hatte mir prophezeit, die Hälfte der Leute schicke ihre Geburtstagsvierzeiler zu Ommas Achtzigstem ein und das sei schnell aussortiert: stimmt nicht. Was nicht heißt, dass sich nicht der eine oder andere Autor ein wenig überschätzt hätte. Und ich stelle fest, was ich von einem preiswürdigen Text erwarte: dass er was Eigenes hat, einen Stil, eine individuelle Sprache eines Autors, der zweitens sein Handwerkszeug beherrschen muss, sonst werde ich ungehalten. Wenn das alles stimmt, dann ist die Geschichte halbwegs wurscht. Natürlich nicht. Aber fast. Ich will nicht lesen „…fügte sie gedankenverloren hinzu“ und „seine Augen verengten sich zu Schlitzen“. Neulich irgendwo den Begriff Fügte-er-hinzu-Literatur gelesen, sofort für gut befunden.
Ich werde sicher irgendwem Unrecht tun, davor habe ich Angst. Aber „gerecht“ kann es am Ende wahrscheinlich sowieso nicht sein.

isabo · 22:38h · comment · 17  ·

 

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