Arkadien

Wie still es ist! Also, jedenfalls wenn der Betonmischer, der für irgendwelche Arbeiten an unserem Hotel gebraucht wird, nicht gerade läuft (ab acht), oder das Radio der Bauarbeiter, oder ein Moped vorbeifährt. Dann ist es unglaublich ruhig. Abends hört man die Zikaden und das Meer, gelegentlich schreit ein Hahn oder ein Esel, sonst hört man nichts. Die Zikaden und das Meer.
Und wie alles blüht! Oleander, Hibiskus, Bougainvilleen, Ginster, Geranien, Kapmargeriten, in rosa, gelb, orange, rot, lila, blau. Und wie es immerzu überall duftet, das ist das unglaublichste, nach Thymian und Rosmarin und Minze und Fenchel und Jasmin. Die Orangen- und Zitronenbäume tragen Früchte, die Oliven noch nicht. Nicht alle Düfte lassen sich zuordnen, man geht so durch die Gegend und es riecht immer wieder anders, nach Kräutern, nach Blumen, nach Meer, nach Grillfleisch.
Und wie klar das Wasser ist. Wie mich immer wieder das Meer umhaut, dieses Wasser, dieses Gefühl, dass es einem den Atem raubt, wenn man sich hineinfallen lässt, dass einem die Kälte die Lunge zusammendrückt und man ein bisschen schreien muss, und dann gewöhnt sich der Körper und es fühlt sich immer wärmer an, und ich fühle mich wohl und umarmt von diesem Wasser und möchte gar nicht mehr raus. Natürlich gehen wir doch raus, trocknen uns ab, legen uns in die Sonne und lassen uns durchwärmen, und abends treffen wir die Freunde und essen Fisch und Fleisch (Ziege!) und Patates und Salat und schauen auf den Hafen mit den Fischerbooten, der aussieht, als wäre er eigens als Postkartenmotiv angelegt worden.
Einmal haben wir einen Ausflug gemacht, nach Kosmas in den Bergen, eine Stunde lang sind wir hinaufgefahren, immer höher, über Serpentinen an sehr steilen, sehr tiefen Abhängen entlang. Auf halber Strecke klebt ein kleines Kloster im Felsen, spektakulär, und die Freunde erzählen eine wilde Geschichte über die berühmte Ikone des Klosters, die vor zwei oder drei Jahren gestohlen wurde und dann unter mysteriösen Umständen wieder auftauchte, und dass in der Gerüchteküche allerlei schmackhafte Geschichten über diesen Vorfall köcheln. Und dann sitzen wir in Kosmas auf dem Marktplatz als einzige draußen und ziehen alles an, was wir dabeihaben, es ist empfindlich kühl in den Bergen; macht nichts. Die Aussicht ist atemberaubend, ich übersetze gerade ein Buch über die Sierra Madre, und die Sierra Madre wird in meiner Vorstellung fortan so aussehen wie die Berge, in denen einst Pan gelebt hat. Wir laufen noch ein bisschen herum, kaufen kleine getöpferte Tellerchen für Oliven oder so, besichtigen auf dem Rückweg das Kloster und die wiedergewonnene Ikone und vergammeln den Rest des Tages mit Spazierengehen und Obstessen und Rumliegen und Lesen. Ich muss zwischendurch ein bisschen arbeiten, was mir erstaunlich schnell von der Hand geht, wenn ich kein Internet habe. Internet gibt es bei den Freunden, wo ich immer mal wieder kurz reingucken kann.
Wir können nicht dauernd große Ausflüge machen, denn die Tankwagenfahrer streiken und wir wissen nicht, wann es wieder Sprit gibt. Aber das macht überhaupt nichts, wir können prima einfach lungern, essen, lesen, spazieren, na ja, zwischendurch arbeiten und vor allem: baden. Ich habe meinen Bikini schon an und jetzt was vor. Tschüss!




