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21
Mrz

Geständnis

Guten Tag. Mein Name ist Isabo. Ich bin 41 Jahre alt, und ich bin lakritzsüchtig. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war, als ich zum ersten Mal Lakritz aß. Ich weiß nicht mal, ob es mir geschmeckt hat. Wahrscheinlich schon, denn sonst hätte ich es ja nicht weiterhin gegessen.
Jedenfalls gab es in meiner Kindheit ab und zu Lakritz. Keine großen Mengen, nur gelegentlich, im Wechsel mit anderen Süßigkeiten. Einmal am Tag konnten wir zu unserer Mutter gehen und fragen, ob wir etwas Süßes bekommen. Das bekamen wir, und zwar genau einmal am Tag. Danach war Schluss, das wussten wir, wir brauchten gar nicht erst noch mal zu fragen. Einmal am Tag ein Riegel Schokolade oder etwas Vergleichbares. Manchmal gab es Lakritz. Später habe ich mir auch manchmal von meinem Taschengeld etwas gekauft, aber nicht oft, meist habe ich auf Reitstunden gespart. Auch zu Unizeiten habe ich nicht andauernd Lakritz gegessen, nur ab und zu. Ich weiß nicht, wann es angefangen hat, dass ich nicht mehr aufhören konnte. Es wurde einfach langsam immer mehr. Dabei essen nicht mal alle meine Freunde Lakritz, manche mögen es nicht. Viele essen es wahrscheinlich, ohne dass ich es weiß, aber es besteht da kein Gruppenzwang oder so was. Nicht mal mein Mann isst Lakritz, er mag das gar nicht. (Er isst Erdnussflips, aber das ist natürlich ein anderes Thema.) Ich bin ganz alleine selberschuld, dass ich mir schon wieder eine Tüte gekauft habe.
Immer, wenn ich Lakritz esse, muss ich an meinen einen Deutschschüler in Tokyo denken. Er konnte schon sehr, sehr gut Deutsch und las selbständig deutsche Bücher. Wenn er etwas darin nicht verstand, fragte er mich in der nächsten Stunde. Einmal fragte er, was „Süßholz raspeln“ bedeutet. Ich erklärte es ihm. Und ich sagte ihm, dass ich aber keine Ahnung habe, was Süßholz eigentlich ist, ob das ein Baum ist oder was, ich wisse nur, dass man Lakritz daraus macht.
Er wusste nicht, was Lakritz ist. Und jetzt erklärt mal jemandem, der nicht weiß, was Lakritz ist, was Lakritz ist! „Eine Süßigkeit, die aber gar nicht richtig süß ist, sondern eher so … schwer zu beschreiben, und es ist schwarz und in der Konsistenz ein bisschen wie Weingummi, aber anders, und das gibt es in ganz hart und ganz weich und alles dazwischen.“
Dass man davon süchtig werden kann, war mir damals noch nicht klar. Die Tüte, die ich gestern gekauft habe, ist schon wieder leer. Ich weiß noch nicht mal, wie gefährlich Lakritzvergiftung ist. Ich schäme mich. Wenn ich das nächste Mal einkaufen gehe, will ich versuchen, kein Lakritz zu kaufen. Ich kann stark sein. Ich weiß es. Tschakka.

isabo · 10:41h · comment · 23  ·

 

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