Glück gehabt (wieder einer)
Diesmal ist es Praschl.
Mir fällt beim Lesen unsere Freundin J. aus Schottland ein, die irgendwann erzählte, wie sie zwanzig oder dreißig Jahre zuvor bei der Explosion eines Agas beinahe gestorben wäre. Sie erzählt es wie eine Geschichte vom Glück. Sie hatte Glück, dass sie nicht irgendwo in der Nähe des Aga stand, sondern unmittelbar daran lehnte, sodass sie mit der Wucht der Explosion wegflog und ihr nicht alles um die Ohren gehauen wurde; dass es ihr die Augenlider zugebrannt hat, sodass sie ihre Verletzungen nicht sehen konnte, denn dann hätte sie sich noch viel mehr erschreckt; dass die Sanitäter wussten, dass sie bei Bewusstsein war, denn sonst hätten sie darüber gesprochen, dass sie nicht glaubten, dass J. das überlebt; dass zufällig gerade ein Brandwundenspezialist aus London am Edinburgher Krankenhaus war, und dass er, als sie ihn fragte, ob sie sterben würde, sofort und spontan und im Brustton der Überzeugung sagte, nein, Quatsch, wie kommen Sie denn darauf? Später gestand er ihr, er sei da nicht so sicher gewesen. Noch später hat sie das Glück noch herausgefordert, ihr Arzt war nicht sicher, wie die großflächigen Narben eine Schwangerschaft überstehen würden, aber es ist zweimal gutgegangen.
Ich kann, als sie das erzählt, nur die Hände vor den Mund schlagen und J. anstarren und versuchen, nicht zu heulen, vor Schreck und vor Rührung und vor Glück, obwohl es ewig her ist, ich muss immer wieder sagen, was für ein Glück hattest du, und was bin ich froh, dass du so ein Glück hattest, und sie sagt, komisch, die wenigsten Leute reagieren so, die meisten sagen, wie schrecklich und was für ein Pech.
Am Autobahnrand ist es so laut, dass ich mich, um den ADAC anzurufen, wieder ins Auto setze. Plötzlich höre ich über den Autolärm und das Telefon am Ohr hinweg meinen Mann hinter der Leitplanke schreien, dann wackelt das Auto ein bisschen, als ein LKW an mir vorbeidonnert. Ich steige aus und frage, was war denn, war der so nah? A. kann erstmal gar nichts sagen, hält mich fest, ich spüre sein Herz durch zwei Pullover und zwei Jacken hindurch schlagen, der LKW sei geschlingert, sagt er dann, und auf die Standspur abgekommen, er habe nicht geglaubt, dass der es noch an mir vorbeischafft. Er lässt mich gar nicht mehr los, die ganze Dreiviertelstunde nicht, die wir hinter der Leitplanke im Regen stehen und auf den ADAC warten.
Was ich sagen will? Ich weiß es nicht. Ich bin sehr froh, dass Du noch da bist, Praschl.