Schule in Irland
Lyssa hat mich neulich daran erinnert: im Ausland zur Schule zu gehen ist offensichtlich eine eindrucksvolle Erfahrung für junge Menschen. Ich war auch mal jung. Und einen Monat lang in Irland, als "Austausch" – allerdings ist meine Austauschpartnerin nie nach Deutschland gekommen. Was mir auch grad recht war.
Natürlich bekam ich für vier läppische Wochen keine Schuluniform, sondern trug gleich am ersten Tag etwas, das ich damals für schick hielt: einen feuerroten Overall. Jaja, schon gut. Ich glaube, an diesem ersten Tag hat mich jeder einzelne Lehrer der Schule angesprochen, in sehr unterschiedlichen Höflichkeitsgraden von "Kann ich Dir helfen, suchst Du was, von welcher Schule bist du?", bis hin zu "was bildest du dir eigentlich ein, hier so rumzulaufen?" Immerhin war das Thema dann durch und ich wurde die restlichen vier Wochen nicht mehr wegen meiner Kleidung belästigt – glücklicherweise, denn alle anderen Schülerinnen wurden ohne Unterlass darauf hingewiesen, dass ihre Röcke zu kurz seien und sie sich mal die Socken hochziehen oder den Schlips festzurren sollten.
Ich hatte mich schnell daran gewöhnt, im Gegensatz zu allen anderen keine Uniform zu tragen. Nicht aber an den Unterricht, der hat mich zutiefst erschüttert.
Meine Klasse hatte fast so lange Deutsch gelernt wie ich Englisch. Ich will hier nicht unfair sein, die ein oder andere war bestimmt in der Lage, schriftlich und mit viel gutem Willen einen deutschen Satz bilden. Aber an eine Unterhaltung auf Deutsch war nicht zu denken. Mein Englisch wurde entsprechend bestaunt, ich habe dann behauptet, Deutsch sei auch viel schwieriger zu lernen als Englisch. Das haben sie aber nur so lange geglaubt, bis sie feststellten, dass mein Französisch auch besser war als ihres. In Biologie wurde gelernt, welche Faktoren zur Photosynthese notwendig sind. Elfte Klasse! Hatten wir in der fünften oder so gemacht. Die Klasse staunte weiter, weil ich das alles wusste. In Musik lernten wir Notenlesen. Beziehungsweise die Klasse lernte Notenlesen, ich lernte Lateinvokabeln, denn ich wusste, welchen Lehrer ich danach wieder in Deutschland bekommen sollte. Und Noten, herrje, habe ich mit der Muttermilch eingesogen (wir sprechen hier von C-Dur, Violinschlüssel). Die Klasse hörte langsam mit Staunen auf und fing mit Bewundern an. Nachdem ich dann in Mathe - mit großem Engagement, denn sie wollten es mir zunächst nicht glauben - die gesamte Klasse davon überzeugt hatte, dass die Wurzel aus acht nicht vier ist, nannten sie mich Brainbox.
Den Vogel schoss die Erdkundelehrerin ab. Sie stellte sich vor die Klasse und sprach (ich werde diesen Satz nie vergessen): "Greece is a peninsula jutting south into the Mediterranean Sea." Wie bitte, dachte ich, wissen die nicht, wo Griechenland liegt? Alsdann sprach die gesamte Klasse diesen Satz im Chor nach. Zehn Mal. Es macht mich jetzt, zwanzig Jahre später, immer noch sprachlos. Als nächstes kam die Information, dass zu Griechenland über zweitausend Inseln gehören, die meisten davon unbewohnt. Alle plapperten es nach.
Als Griechenland zwei oder drei Wochen lang auf diese Weise abgehandelt worden war, wurden einzelne Schülerinnen nach vorn zitiert und geprüft. Wahrscheinlich unnötig zu sagen, dass sie keine Ahnung hatten. Wo liegt Griechenland, fragte die Lehrerin; "Greece is a peninsula jutting south into the Mediterranean Sea", sagte die Schülerin; schön, meinte die Lehrerin, dann zeig mal, und deutete auf die Europakarte. Die Schülerin wusste nicht mal, wo sie anfangen sollte, das Mittelmeer zu suchen.
Übrigens war der gesamte Irland-Aufenthalt für mich ähnlich erfolgreich wie der Unterricht. Von Irland gesehen habe ich den Weg zur Schule und zurück. Zum Mittagessen gingen wir nach Hause, nachmittags wieder in die Schule. Abends wurde ferngesehen. Keine Ahnung mehr, wie meine "Austauschpartnerin" hieß. Immerhin habe ich in dieser Zeit eine Menge Lateinvokabeln gelernt, was mich allerdings auch nicht mehr rausgerissen hat. Denn das mit der Brainbox ist doch ziemlich relativ.