Amt
Wer nach New York will, braucht einen Reisepass, der noch sechs Monate gültig ist, meiner läuft vorher ab. Wer einen neuen Reisepass braucht, braucht Fotos, und zwar biometrische, was auch immer das heißen soll, das Gesicht auf dem Bild muss genau in eine Schablone passen. Man darf darauf nicht lächeln und muss starr geradeaus in die Kamera gucken, jeder sieht auf den Bildern aus wie ein Verbrecher. Ich fahre mit dem Fahrrad einen Umweg, weil ich dann doch bestimmt irgendwo an einem Fotografen vorbeikomme, Pustekuchen, aber direkt neben dem Einwohneramt ist Saturn, da kann man Bilder machen lassen, hurra. Nicht lächeln, geradeaus gucken, eine Viertelstunde warten, passt genau in die Schablone. Sagt Frau Saturn. Frau Einwohneramt sagt, nachdem ich dort eine Stunde lang gewartet habe, es passt nicht, man muss die Schablone so anlegen, dass es am Kinn passt, und dann fehlen oben zwei Millimeter, und die bei Saturn hätten keine Ahnung. Es ist fünf vor eins, um eins macht das Amt zu. Bei Saturn sagt man mir, beim Einwohneramt hätten sie keine Ahnung, es passe genau, man müsse die Schablone nämlich in der oberen linken Ecke anlegen. Sie zeigen mir die Schablone, dicker Pfeil drauf: oben links anlegen. Mehrere Verkäufer und –innen regen sich fürchterlich auf, sie drucken meine Bilder noch mal so aus, dass es am Kinn passt, und versuchen derweil verzweifelt, beim Einwohneramt anzurufen, aber da ist niemand mehr, es ist kurz nach eins.
Falls mich morgen wer sucht: ich bin beim Einwohneramt. Oder irgendwo zwischen Einwohneramt und Saturn. Die Dame vom Amt, die mich heute wieder weggeschickt hat, weil's am Kinn nicht passte, hat morgen frei. Ich nehme an, es wird eine andere dort sein, die es an der oberen Ecke anlegt.
Wie die Sache mit dem Finanzamt weitergegangen ist, wollt Ihr gar nicht wissen.