Met
In Michigan wohne er, sagt der schon etwas ältere Priester, der uns in der Warteschlange für die Billigtickets an der Metropolitan Opera angesprochen hat, aber er komme einmal im Jahr für fünf Wochen nach New York, um Kultur zu tanken, und gehe dann fast jeden Abend in die Oper. In Hamburg sei er auch schon mal gewesen, die Oper dort habe ja auch einen guten Ruf. Auf Nachfragen erklärt er, er habe früher an der Uni Kunstgeschichte gelehrt, außerdem Oper und Film und Filmmusik, und sich mit den Schnittstellen zwischen verschiedenen Formen der darstellenden Kunst beschäftigt. Er freut sich, dass wir in die Met gehen, es werde uns gefallen, verspricht er, das Bühnenbild sei sehr klassisch, so you don’t have to worry about minimalism. Ich verkneife mir höflichkeitshalber die Bemerkung, dass ich gar nichts gegen Minimalismus habe.
Er macht mir eins der charmantesten Komplimente aller Zeiten: so gut wie mich, behauptet er, habe er erst einmal eine Ausländerin Englisch sprechen hören, und das sei Elisabeth Schwarzkopf gewesen. Elisabeth Schwarzkopf war so was wie Gott. Er hat sie persönlich gekannt, er sei einfach nach ihren Auftritten immer zu ihr hingegangen, und irgendwann wusste sie ihn dann auch einzuordnen. Egal, wie ihr Englisch war, ich war entzückt. Auch wenn ich mein Englisch nicht für weiter bemerkenswert halte.
Als wir die Karten haben, sind es noch zwei Stunden Zeit bis zur Aufführung, wir wollen etwas essen. Sollen wir ihn fragen, ob er mitgeht, frage ich den lustigen Mann. Meinste, das kann man machen, fragt er zurück. Der Priester steht noch in unserer Nähe, guckt unschlüssig, also entschließe ich was und frage ihn, ob er wisse, wo man hier nett etwas essen kann. Er strahlt uns an und sagt, er kenne da einen wunderbaren Chinesen, da wolle er hin, ob wir ihm Gesellschaft leisten mögen? Sure, we’d love to.
Er nämlich, er liebe das Essen. Essen sei seine große Leidenschaft, er finde Essen fantastisch, und, you know, wenn man schon keinen Sex hat, dann muss man eben gut essen, besonders zu empfehlen seien übrigens die gefüllten Auberginen mit Sesam und Blattspinat, delicious. Es gibt aber auch Japanisches, ich bestelle Tempura und mir wird ganz warm und weich von der Tempura und New York und der Aussicht auf die Met und dieser unglaublich reizenden Begleitung nach einem anstrengenden Tag. Jesuit ist er (But we can still be friends!), fünfundsiebzig Jahre alt, er arbeitet jetzt nicht mehr so viel, sondern nur noch so viel wie er will; unter anderem macht er Kunsttherapie mit Alkoholikern und Drogensüchtigen. Zwischendurch klingelt sein Telefon: Hello, Big Daddy. – Yes. – I’m in a Restaurant with two friends I just met. – It’s a Chinese Restaurant, they don’t have Pasta! – I love you, too. – Bye, Big Daddy.
Wir verplaudern und verlachen die zwei Stunden, probieren gegenseitig unser Essen. Er gibt uns seine Telefonnummer, falls wir in der großen Stadt mal Hilfe brauchen oder Fragen haben.
Zum Nachtisch gibt es Glückskekse. Ob wir in Deutschland auch dieses Spielchen spielen mit den Glückskeksen? Nein, welches? An den Text einfach „in bed“ anhängen. You get the most hilarious results! Mal sehen:
- Success is a journey … not a destination in bed.
- Strength is built upon inner character. Inner character is built upon strength in bed.
- Vary your friendships in bed.
Und dann La Gioconda. Das Don’t-worry-about-minimalism-Bühnenbild ist nicht klassisch, sondern bieder und hart an der Grenze zu Disney. In dem Akt am Schiff sieht die Bühne original aus wie bei Käpt’n Blaubär, aber das Ballett, der Stundentanz, versöhnt mich halbwegs mit dem optischen Gesamteindruck. Akustisch ist das anders. Die Titelrolle schreit, dass einem angst und bange wird, Jodelsopran mit einem Tremolo über eine ganze Terz, man weiß nie so recht, welchen Ton sie gerade zu singen versucht. Da kann man vor lauter Vorahnungen, dass sie gleich wieder dran sein wird, die anderen gar nicht recht genießen, obwohl sie gut sind, natürlich, wir sind an der Met. Jede einzelne ihrer Arien wird mit Szenenapplaus und Bravo-Rufen bedacht, und ich denke, vielleicht stimmt mit meiner Wahrnehmung was nicht. Dafür dauert es auch nur vier Stunden, es gibt drei Pausen, wir sehen Jerome aber nicht mehr.
Ihn treffen wir erst beim Hinausgehen wieder. Wie es uns gefallen habe, fragt er. Ich weiß nicht, ob ich es sagen soll, bestimmt fand er’s toll. Prima, behaupte ich, aber dann kann ich sowas ja doch nicht gut und schiebe vorsichtig hinterher: To be honest, I didn’t really like La Gioconda too much.
Oh, her!, ruft er, she is horrible! Mit Nachdruck. I don’t know why they pay her, she should pay them and the audience, there is no reason why they should allow her to sing. Ich bin froh, dass mit meiner Wahrnehmung doch alles in Ordnung ist, und froh um diesen wunderbaren Abend mit Jerome. Er wird mir sicher länger in Erinnerung bleiben als die Oper. Thank you, Brother Jerome.