Shibuya
Wenn ich von Tokyo träume, dann von Shibuya. Wenn ich im Schlaf träume, und wenn ich wach an Tokyo denke, dann ist es Shibuya. Meine Schule war in Shibuya, ich war jeden Tag dort. Wenn ich mit der Bahn fuhr, kam ich an der menschenreichsten Kreuzung der Welt an. Diese Kreuzung sieht man immer dann, wenn illustriert werden soll, wie voll es in Tokyo ist. Die Bahn fährt morgens im Minutentakt, auf jedem Bahnsteig steht an jeder Bahntür ein Angestellter mit weißen Baumwollhandschuhen, der die Leute in die Bahn drückt, damit die Türen zugehen. Manchmal war der Druck von Innen so groß, dass die Türen nicht aufgingen. Es gibt Fehler, die macht man nur einmal. Eine Banane in der Schultasche haben. Einen langen, weiten Rock tragen. Oft steht man schräg, sodass der Körperschwerpunkt gar nicht über den Füßen liegt. Aber umkippen kann man ja nicht. Morgens war ich immer froh, dass ich oben rausguckte, aus der Menschenmasse.

Oft fuhr ich mit dem Fahrrad. Die Japaner haben mir das nicht geglaubt, sie dachten dann, ich hätte die Wörter densha und jitensha verwechselt. Mit dem Fahrrad? Bis Shibuya? Geht doch gar nicht, ist doch viel zu weit. Dabei dauerte es ebenso lange wie mit der Bahn, etwa 40 Minuten.
Ich hatte Hachiko ganz vergessen. Hachiko war ein Hund, der sein Herrchen jeden Nachmittag vom Bahnhof Shibuya abgeholt haben soll, jahrelang. Nachdem das Herrchen gestorben war, soll Hachiko immer noch jahrelang jeden Nachmittag zum Bahnhof gekommen sein. Auf dem Platz vor dem Bahnhof steht eine Hachiko-Statue, man verabredet sich dort gern. Ich hatte Hachiko vergessen.
Das Café, in dem wir oft nach der Schule saßen, ist nicht mehr dort. Dort ist jetzt Starbucks, der Reiseführer sagt, es sei die umsatzstärkste Filiale der Welt. Das glaube ich sofort.
Es gibt jetzt noch mehr Großleinwände und Reklamegeblinker als damals, zumindest kommt es mir so vor. Ein riesiges, neues Einkaufszentrum direkt am Bahnhof, das war damals nicht da. Ich weiß nicht mehr, was damals dort war.
Das Loft ist immer noch da, wo es immer war. Loft ist ein Kaufhaus, in dem es lauter hübschen Schnickschnack gibt, alles, was man braucht und nicht braucht, und alles in schön. Ich könnte Stunden bei Loft verbringen. Beziehungsweise: wir haben Stunden bei Loft verbracht. Und hübschen Unfug gekauft.
Man kann die Meiji-dôri rauflaufen zum Yoyogi-Park und nach Harajuku, wo Sonntags bunt verkleidete Menschen rumlaufen, Bands sich gegenseitig übertönen, darstellende Straßenkunst, Tanz und Akrobatik oder was gerade in ist dargeboten werden, und wo man vor allem die neue Mode für Ausgeflippte bewundern kann. Leider war Donnerstag und ziemlich tote Hose.

Wir sind dann zurückgegangen nach Shibuya. Drüben, auf der anderen Straßenseite, erzähle ich dem Mann, war damals dieser kleine Rundum-Sushiladen, so halb im Keller, erinnerst Du Dich? Da waren wir doch bestimmt auch mal zusammen. Ich habe dort oft nach der Schule mittaggegessen.
Wir gehen auf die andere Straßenseite, und da ist der kleine Laden, er ist tatsächlich noch da, wir gehen die paar Stufen hinunter und essen Sushi, natürlich tun wir das. Ich erinnere mich an die Geräusche dieses Ladens, die wahrscheinlich die Geräusche jedes kleinen Sushiladens sind, aber für mich ist die Vorstellung von einem Kaiten-Zushi eben genau dieser Laden. Ich meine sogar, mich an die Teller zu erinnern, aber das kann nicht sein, es ist 15 Jahre her.

Wenn ich an Tokyo denke, wenn ich von Tokyo träume, wird es immer Shibuya sein.