... is a blog
 

Hamam

Es ist sehr warm, die Luft ist feucht, fast nebelig. Wir haben ein Handtuch zum Umwickeln bekommen, in rot, das steht für Verwöhnvariante drei. Alle sind unglaublich freundlich: Sind Sie zum ersten Mal hier? Ja, sind wir.
Ein Tellak, ein türkischer Bademeister, gießt uns aus einem Schälchen Wasser über den Kopf, drei-vier mal, dann lässt er uns allein. Wir können uns in einem Becken eine angenehme Temperatur mischen, uns mit Wasser übergießen und uns dann auf den heißen Stein legen. Ganz schön hart, so ein Stein. Und ganz schön warm. Noch einmal übergießen wir uns mit kühlerem Wasser und räkeln uns dann wieder auf dem Stein, einer riesigen Marmorplatte, warm, sehr warm. Ich stelle fest, dass man lustige Geräusche machen kann, wenn man auf dem Rücken liegt, die Füße aufstellt und das mit dem nassen Handtuch umschlungene Hohlkreuz gegen den Stein presst und wieder hochzieht, dann schmatzt und pupst es, und es ist ein lustiges Gefühl, wenn wieder Luft in den feuchten Hohlraum dringt. Wir kichern. Und werden träge. Entspannt. Alles so schön warm hier. Und plötzlich ist der Stein auch gar nicht mehr so hart. Ich muss ein bisschen auf meinen Kreislauf aufpassen, gieße mir noch einmal kühleres Wasser über den Kopf. Ach. Hach. Wir liegen auf dem Stein, die Freundin bringt mich auf den neusten Stand ihres Liebeslebens, und dann werden wir auch schon zur Waschung gebeten.
Hinter einer halbhohen Mauer stehen sechs oder acht Tische, ebenfalls aus Marmor, aufgereiht wie Schlachtbänke. Ein freundlicher Tellak begrüßt mich und bittet mich, das Handtuch ab- und mich auf den Tisch zu legen. Er selbst ist ebenfalls nur mit einem nassen Handtuch bekleidet, ich trage jetzt nur noch eine Badehose. Er übergießt mich noch einmal mit Wasser, dann streift er einen rauen Handschuh über und beginnt mit dem Körperpeeling. Von oben bis unten rubbelt er mich ab, ziemlich energisch, den Rücken, die Beine von hinten, mit dem kratzigen Handschuh, dann umdrehen und dasselbe auf der Vorderseite. Seltsames Gefühl, mich von einem fast nackten Fremden abschrubben zu lassen, aber sehr angenehm. Er legt meine Beine ein Stück weiter auseinander, um auch die Innenseiten abreiben zu können, ich atme einmal tief ein und lasse locker, lasse mich fallen und ihn machen. Wie wohltuend das ist. Ist total gesund, behauptet er, und dann sagt er, fühl mal, und legt meine Hand auf meinen Bauch: alles voller Krümel.
Dann werde ich gewaschen. Mein Tellak füllt einen feinen Baumwollsack mit Luft, hält ihn oben zu und drückt die Luft durch den Stoff unten wieder hinaus, und mit der Luft kommt ganz viel Schaum heraus, sehr feiner Schaum, der auf meinem Rücken liegen bleibt und mir langsam an den Seiten hinuntergleitet. Was für ein Gefühl. Hier ist wohl sein. Der Schaum duftet nach Zitrone und ist so fein und kribbelt so auf der Haut, und alles an mir ist so warm und weich, nur der Tisch, auf dem ich liege, der ist warm und hart. Mein Tellak wäscht mich, mit dem Schaum, von hinten und von vorne, ohne jede Ruppigkeit jetzt, fast liebevoll. Ich dufte nach Zitrone. Ein bisschen Schaum ist mir ins Gesicht geraten und rinnt anscheinend Richtung Mundwinkel, ich merke es nicht, ich merke es erst, als der Tellak sich über mich beugt, mir mit der Rückseite seines Zeigefingers sanft den Schaum von der Wange streicht, mir eine Tausendstelsekunde länger als nötig in die Augen schaut und leise lächelnd sagt: nicht essen.
Wieder legt er mir die Hand auf den Bauch und sagt: fühl mal. Meine Haut ist ganz weich, ich dufte, ich bin durchgewärmt und entspannt und ziemlich glitschig; beim Umdrehen hält er mich fest, damit ich nicht vom Tisch rutsche.
Und schließlich die Massage, anfangs denke ich noch, er soll mal nicht so zimperlich sein, aber da ist er noch dabei, das Öl auf meinem Rücken zu verteilen, und dann ist er natürlich überhaupt nicht mehr zimperlich, aua, und zwar keineswegs. Aua. Wohlschmerz hat das mal ein anderer Masseur genannt, diesen Schmerz, den man gerne hat, weil es genau da wehtut, und der Masseur genau da draufdrücken soll, weil der Schmerz so guttut, ja, aua, nicht aufhören, genau da, aua, mehr. Rrrrrrrr. Warm, weich und Wohlschmerz, kann das bitte nie aufhören?
Leider doch. Ich liege auf dem Rücken, der Tellak zieht noch einmal sanft an meinem Kopf, dehnt meine immer schmerzende Halswirbelsäule, auch das tut unendlich gut, zieht meine Arme lang nach oben, geht um den Tisch herum, umfasst meine Fußgelenke und zieht, streckt meine ganze Wirbelsäule, zieht mich auf dem Tisch hinunter zum Fußende, hilft mir, mich aufzusetzen, und jetzt macht dann doch mein Kreislauf schlapp. Der Tellak holt ein Schälchen mit etwas kühlerem Wasser, gießt es mir über die Beine, über die Arme, ganz vorsichtig, und nimmt schließlich richtig kaltes Wasser in die Hände und streicht es mir ins Gesicht, wie man ein trauriges Kind streichelt. Kann das bitte … ach, schade.

Link  *  2008-02-26 18:58  *  comment

 

cemb, Mittwoch, 27. Februar 2008, 00:03
.

Link

textundblog, Mittwoch, 27. Februar 2008, 01:47
Es gibt Texte, bei denen man, wenn man sie liest, am Ende denkt: "Schade, schon zu Ende".

Das hier ist so einer.

Link

 
isabo, Mittwoch, 27. Februar 2008, 14:49
Danke!
Das habe ich auch gedacht, als ich von dem Tisch aufstand.

Link

mediokra, Donnerstag, 28. Februar 2008, 19:13
bitte weitermachen ...
uuuh, ich habe gerade ganz wohlig mitgefühlt - schön!

Link