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Prinzessin

Einmal war ich Prinzessin. Beziehungsweise viermal, nämlich an den vier Adventssonntagen 1991.

Die Japaner sind bekanntlich Buddhisten und Shintoisten, haben mit Weihnachten also nicht viel am Hut. Allerdings haben sie festgestellt, dass man im Westen ein prima Geschäft mit Weihnachten macht, also machen sie auch ein prima Geschäft mit Weihnachten. Worum es eigentlich geht, wird dabei leicht zur Nebensache, und so habe ich mir erzählen lassen, es habe noch bis in die achtziger Jahre hinein Nikoläuse am Kreuz zu kaufen gegeben. Gesehen habe ich das leider nicht mehr, aber es waren ja auch schon die Neunziger.
Der Vergnügungspark Yomiuri Land veranstaltete eine Weihnachts-Show für Kinder. Es gab, was es zu Weihnachten halt so gibt: eine Seehund-Vorführung mit Bällen und so, eine Band, die als Comicfiguren mit überdimensionalen Köpfen verkleidet war und disneyeske Weihnachtshits und Greensleeves und sowas spielte, und als Special Guest eine Prinzessin aus dem Land des Eises. Im Land des Eises lebt nämlich auch, aber das wisst ihr natürlich, der Nikolaus. Und der Bär und das Eichhörnchen.
Ich trug die Haare offen, damals waren sie ziemlich lang und noch richtig blond. Ich trug eine Krone. Ich trug ein Brautkleid, japanische Größe; die Taille klemmte mir irgendwo unter den Achseln, unten reichte es bis zur Mitte der Wade, statt bis zum Boden. Das Schuhwerk war ein Problem, ich besaß nur schwarze Schuhe, und zu kaufen gab es in Monstergröße (40) nur Herrenschuhe, die hätten auch nicht recht zum Prinzessinnen-Brautkleid gepasst. Eine Angestellte der Agentur kaufte ein paar goldene Turnschläppchen in der größten Größe, schnitt schlankerhand die Ferse auf und machte ein Gummiband hintenrum. Außerdem bekam ich ein Jäckchen für meine nackten Schultern, einen langhaarigen, weißen Teddybärfell-Bolero, denn auch in Japan ist es im Winter kalt, und die Show fand draußen statt. Solcherart ausstaffiert – umziehen konnte ich mich im Kostümfundus – ging ich zur Showbühne. Rechtzeitig vorher und in vernünftigen Schuhen. Dort versteckte ich mich in einem Zelt, das glücklicherweise beheizt war, während sich draußen zwischen fünfzig und hundertfünfzig Kinder versammelten. Alle im Nikolauskostüm. Ich fror mich durch Seehundshow und Comicfiguren-Weihnachtslieder bis zu meinem Auftritt, der daraus bestand, zwei oder drei Sätze auf Japanisch zu sagen, die ich leider vergessen habe. Ich bin keine Schauspielerin, es muss furchtbar gewesen sein, ich stand vorne am Bühnenrand, steifgefroren und verkrampft und mit Fusseln von dem Jäckchen im Mund, und sagte meinen Text auf, irgendwas mit dem Nikolaus, der im Land des Eises wohnt, wo ich herkomme, und dem Bär und dem Eichhörnchen, die dort zusammen spielen und sich doll liebhaben. Zum Abschluss verteilten die Comicfiguren und ich Geschenktütchen an die kleinen Nikoläuse, und ich hatte mit diesen vier Auftritten wieder die Miete für einen Monat gesichert.

Es wurden schätzungsweise hunderttausend Fotos von mir gemacht. Ich habe kein einziges davon.

Link  *  31. Mrz, 18:12  *  comment

 

g a g a, 31. März 2008, 18:44
oh Isa, Prinzessin aus dem Land des Eises! Ich bin entzückt und traurig zugleich, weil es kein Foto gibt. Mit Krönchen auf dem goldenen Haar. Ein Jammer!

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isabo, 31. März 2008, 20:47
Ja, einerseits. Andererseits bleibt manches vielleicht besser eine Vorstellung. Die Realität kann da nur ernüchternd sein.
(Womöglich würde ich am Ende feststellen, dass ich weniger lächerlich aussah, als ich es mir vorstelle. Und das würde ich nicht riskieren wollen.)

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tralala, 1. April 2008, 03:24
Prima Geschäft?
Heißt das nicht neuerdings ein primares Geschäft? Spätestens seit der orangenen Revolution in der Ukraine? Wie dem auch sei, der japanische Weihnachtsgeschäftssinn hat mir auch mal einen primaren Studentenjob beschert. Zwei Wochen lang Weihnachtskarten an Geschäftspartner und Kunden in aller Welt schreiben. Auf dass der Rubel, nee, der Yen, prima rolle. Und dafür musste ich mich weder verkleiden noch frieren. Prima Klima im Büro.

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