Miss Li

Um neun soll es anfangen, wir sind gegen halb neun fast dort, als uns einfällt: die Eintrittskarten liegen zu Hause auf der Kommode. Wie doof kann man sein?
Wir hoffen, dass es nicht pünktlich losgeht, dass es eine Vorgruppe gibt, dass sie wirklich nicht schon um neun und dann nur ganz kurz spielt, und als wir um halb zehn zum zweiten Mal ankommen, spielt tatsächlich gerade die Vorgruppe ihr letztes Lied. Die Prinzenbar ist rappeldickevoll, ein ganz kleiner, bizarrer Laden, wir finden Markus trotzdem, und außerdem ein Bier. Das Publikum steht so rum, die Stimmung ist, na ja, man steht halt rum, mit seinem Bier, in der Umbaupause läuft irgendwelche Musik. Man wartet. Nicht lange.
Miss Li und ihre Band kommen auf die Bühne, sie fangen ohne Umschweife an zu spielen, es geht vom ersten Ton an richtig ab, das Publikum zuckt, und schon nach wenigen Takten reißt Miss Li in einer schwungvollen Geste einen Arm nach oben und ruft „hey!“, die Arme des Publikums gehen mit hoch, wie ferngesteuert, und die Prinzenbar explodiert aus dem Stand.
Und so geht es eine Stunde lang. Mit jedem Lied setzt sie noch eins drauf, die Energie dieser Frau haut einen um, ihr Lächeln sowieso. Ihre Lieder sind manchmal wütend, und dann ist die ganze Frau wütend, und wenn das Lied zu Ende ist, braucht sie eine halbe Sekunde, um dieses Lächeln wieder anzuknipsen, das einen so umhaut, unfassbar, wie sie das macht, dass man meint, sie würde schier bersten vor Energie, und sich diese Energie sofort überträgt und man mithüpfen muss und mitlächeln, was sag ich, lächeln, sie strahlt, hunderttausend Watt. Sie singt keine einzige ihrer wirklich herzergreifenden Schnulzen. Sondern jedes Lied ist eine eigene Explosion, die gesamte Band, meint man, hat tierisch Spaß, und übrigens sind sie alle sensationell gute Musiker, und irgendwann spielen sie Oh, Boy. Im ersten Moment könnte man denken, sie haben nicht mehr so richtig Lust auf dieses Lied, liegt aber vielleicht nur dran, dass ich es selbst schon so oft gehört habe, und dann, plötzlich, wechseln sie den Takt in Richtung Walzer und dann Balkan und dann eine Million BPM oder so, es geht so dermaßen die Post ab, dass ich fast nicht mehr mithüpfen kann sondern nur noch mit offenem Mund undsoweiterblabla, ich kann das nicht, es geht nicht zu beschreiben, einmal glaubt man, die Band ist selbst überrascht, wie sehr es plötzlich mit ihnen durchgeht. Wer die Gelegenheit hat, Miss Li noch live zu sehen, soll das tun, unbedingt, es ist ein bleibendes Erlebnis. Allerdings war es nach einer Stunde schon vorbei, und die Stunde fühlte sich an wie zehn Minuten.
Myspace
missli.se
18.12. Ludwigshafen
19.12. München
20.12. Freiburg
(Wie es in Berlin war, steht hier. Danke, Jamie!)