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Die Vorleser. Heute Abend im ZDF.

„Um Abendgarderobe wird gebeten“, steht auf der Eintrittskarte. Wir überlegen eine Weile, ob es wirklich ein dunkler Anzug sein muss, wirklich ein langes Kleid (ich habe gar keins), und entscheiden uns schließlich für einen hellen Anzug und das kleine Schwarzgraue. Ohne Strumpfhose! Abendgarderobe hin oder her, es ist Sommer, und wir gehen schließlich nicht auf einen Ball, sondern ins Fernsehen. Um halb neun soll Einlass sein, um viertel nach acht stehen wir vor dem ehemaligen Hauptzollamt in der Hamburger Speicherstadt. Tatsächlich werden Journalisten eingelassen, wir aber nicht, wir stehen vor der Tür, es wird kalt und kälter, von wegen Sommer. Wer eine echte Dame ist, hat zwar eine Strumpfhose in der Handtasche, aber echte Damen ziehen sich leider nicht mitten in der Speicherstadt auf offener Straße eine Strumpfhose unters Kleid. War aber knapp.
Drinnen also erstmal zur Toilette, Strumpfhose anziehen, um meine kalten Beine zu wärmen, dann zur Garderobe, Mantel abgeben, um an den Armen gleich wieder mit dem Frieren anzufangen. Innerkörperliche Arbeitsteilung, einer ist immer dran. Als ich fertig bin, sind die meisten Plätze natürlich schon besetzt, wir sitzen ganz am Rand und relativ weit hinten. Ein Scheinwerfer strahlt mir ins Gesicht, aber kurz vor Sendungsbeginn, ungefähr in dem Moment, als der Regisseur auf die Bühne geht, um uns zu erzählen, dass Frau Fried und Herr Mangold total aufgeregt sind, kommt jemand und dreht den Scheinwerfer weg. Na gut, dann komme ich eben nicht ins Fernsehen.
Das alte Hauptzollamt ist wunderschön, es hat nach beiden Seiten, also zur Straße und zum Wasser riesige Fenster, jenseits des Wassers liegt die Stadt, es dämmert draußen, die Lichter der Stadt gehen an. Und im Saal gehen die Lichter aus, Amelie Fried und Ijoma Mangold kommen auf die Bühne und setzen sich so auf die roten Sofas, dass ich von meinem Randplatz aus nur Frau Frieds Gesicht sehen kann, Herrn Mangold sehe ich nur von hinten. Ich mag Frau Frieds Blazer nicht. Mit den beiden ist Walter Sittler in den Saal gekommen, der später als Gast auf der Bühne sein wird, zunächst aber unauffällig irgendwo im Publikum Platz nimmt, genauer gesagt: direkt vor meiner Nase. Vielleicht komme ich doch ins Fernsehen.
Tatsächlich merkt man, dass Amelie Fried aufgeregt ist. Ich finde das sehr süß, die Frau moderiert seit zehn Jahren die Talkshow im NDR und wirkt tatsächlich ein bisschen unsicher. Und zwar genau so lange, bis die Sendung anfängt. Sobald die Kamera läuft, ist sie vom ersten Moment an Profi. Sie stellt Ijoma Mangold vor, den ich nur von hinten sehe, sodass ich nicht weiß, wie es ihm mit der Nervosität geht.
Die beiden stellen das erste Buch vor: „Weiße Geister“ von Alice Greenway. Und da passiert es tatsächlich: Amelie Fried hebt unter anderem die sprachliche Qualität des Buchs hervor, ich denke na, und, naa? … und sie setzt den Satz fort und sagt, dass das natürlich an der hervorragenden Übersetzung von Uwe-Michael Gutzschhahn liegt. Jawoll! Hurra! Das ist ja etwas, was Frau Heidenreich einfach gar nicht begriffen hatte. Sie hat regelmäßig die wunderbare Sprache von Autoren gelobt und gar nicht erwähnt, dass sie die wunderbare Sprache eines Übersetzers damit meinte. Dass Frau Fried offenbar bewusst ist, was genau sie da liest: prächtig. Und so verzeihe ich den beiden schon im Voraus, dass sie bei allen weiteren vorgestellten Übersetzungen die Übersetzer nicht nennen, aber sie sagen auch nichts mehr über die sprachliche Qualität der Bücher.



Ich glaube, das wird eine sehr gelungene Sendung. Teilweise sind die beiden sich einig in ihrer Begeisterung für ein Buch, teilweise findet nur einer es toll, der andere nicht so, und sie diskutieren ein wenig; Walter Sittler als erster Gast macht eine sehr gute Figur, außer dass er vergisst, den Titel des Buches zu nennen. Die Location ist wunderbar, die Moderatoren charmant, die vorgestellten Bücher sehr unterschiedlich, und ich glaube, dass mit der Sendung insgesamt ein breites Publikum angesprochen wird. Man wird der Sendung vorwerfen, nicht intellektuell genug zu sein, zu wenig tiefgehende Literaturkritik zu bieten, zu seicht zu sein, blabla. Geschenkt. Das ist Fernsehen, es ist eine Bücherempfehlungssendung, kein Literaturseminar und kein Hochfeuilleton. Und wenn man genau hinguckt, kann man mich vielleicht hinter Walter Sittler im Publikum sitzen sehen.

Die Vorleser
ZDF, heute Abend, 22.30 Uhr


Dieser Eintrag steht inzwischen auch im Literaturcafe.
Und Zoe Beck war auch bei der Aufzeichnung.

Link  *  10.07.09 11:03  *  comment

 

kid37, 10. Juli 2009 15:24:45 MESZ
Das Alte Hauptzollamt ist wirklich eine schöne Location. Vor allem, wenn es draußen einen echten Sommer gibt ;-)

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niggemeier, 11. Juli 2009 00:17:29 MESZ
hmpft, ich fand es, in einem wort: unausstehlich.

aber ich hätte eine frage. im fernsehen wirkte es so, als würden die moderatoren die vorstellungen der bücher vom teleprompter ablesen. war das so?

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alex63, 11. Juli 2009 00:40:52 MESZ
habs nicht gesehen, aber schon das literarische quartett war eine zumutung. im fernsehen über bücher sprechen macht einfach keinen sinn. beim lesen geht es um sprache und nicht um gestik, mimik und telegen sein. das lenkt alles nur ab. das ist 100%ig eine reine werbeveranstaltung für bücher, die man garantiert nicht lesen braucht. bücherdeckel im teevee vor die kamera halten. es gibt nichts jämmerlicheres.

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isabo, 11. Juli 2009 09:29:24 MESZ
Nein, es gab keinen Teleprompter. Alles auswendig gelernt, vor lauter Aufregung wahrscheinlich.
Aber unerträglich, ich weiß nicht. Man kann das ein bisschen brav und bieder finden. Seltsam, vor Ort kam es mir auch interessanter vor als im Fernsehen. Aber ich bin ja sowieso immer so ein Nettfinder. Und wo allenthalben so auf die hölzernen Dialoge geschimpft wird: vielleicht muss man sich in solche Rollen auch erst einfinden. Seid nicht so streng.
Das zweite, worauf hier und da geschimpft wurde, ist das Tempo: ja herrje. "Drei Bücher in drei Minuten" könnte man gut weglassen, finde ich auch; aber dass für die anderen Bücher einfach nicht genug Zeit ist, das ist nun mal so. Punkt. Man will ja in der halben Stunde nicht nur ein Buch vorstellen.
Ansonsten habt Ihr schon recht: es ist bei keinem der vorgestellten Bücher so viel Begeisterung rübergekommen, dass ich das Buch sofort lesen wollte. Aber ich gebe der Sendung durchaus Chancen.

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niggemeier, 11. Juli 2009 11:22:11 MESZ
nicht unerträglich, nur unausstehlich ;-)

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isabo, 11. Juli 2009 11:35:42 MESZ
Ups, falsch erinnert, Entschuldigung!
(Dass man aber auch beim Kommentarebeantworten den Kommentar nicht angezeigt bekommt. Tst.)

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jensscholz, 11. Juli 2009 03:36:00 MESZ
frau Fried mag ich ja, aber der Herr Mangold ist mir echt zu anstrengend. Ich hab recht schnell begonnen, wegzuzappen, wenn der dran war.

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die.tine, 11. Juli 2009 12:14:16 MESZ
ich habe gerade erst die Folge 10 von Elke Heidenreichs Lesen gehört. Da erwähnt sie tatsächlich die Übersetzung.

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m marks, 11. Juli 2009 12:18:23 MESZ
Ich hoffe, es wird besser. Frau Fried wirkte schon unsicher. Der Dialog zu zweit wirkte vorbereitet (nur eine Unterbrechung), anders als Literarischer Quartett oder Literaturclub (die mehr Zeit haben). Austausch zwischen zwei sollte live sein oder entfallen! Ich konnte mich gar nicht auf den Inhalt konzentrieren, so störend war das Format.
Dennis Scheck macht es am besten.

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isabo, 11. Juli 2009 12:47:23 MESZ
Ja-hm-naja. Geschmackssache und so. Ich kann seine selbstherrliche Art nicht gut ertragen, dummerweise ist er klug und hat was zu sagen.

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rronboy, 11. Juli 2009 13:02:44 MESZ
Erstaunlicherweise hat es aktuell von den vorgestellten Büchern nur eines in die Amazon-Top-20 geschafft. Natürlich der von Sittler mit viel Liebe vorgestellte Kästner. Das war doch bei Heidenreich noch ganz anders, oder? Von der Lippe hat z.B. Zehrer/Gernhardt noch in der zweiten Wiederholung auf Platz 14 gelesen.

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m marks, 11. Juli 2009 16:56:19 MESZ
Ja, ich finde ihn OK, verstehe das aber schon. Iris Radisch ist natürlich OK. Aber wenn ich an diese 30-Min-Sendungen denke, eigentlich ist die Länge das Hauptproblem. Ich fand es gut, dass die Leseliste eine Woche vorher online war, aber wenn ich gelesen hätte, hätten mir 5 Minuten zuhören wenig gebracht.

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isabo, 11. Juli 2009 19:16:52 MESZ
Dass Frau Heidenreich zeitweise im Alleingang bestimmt hat, was in den Bestsellerlisten steht, war ja auch nicht so richtig richtig. Aber etwas mehr Begeisterung hätte schon rüberkommen können.

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