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Jenny Erpenbeck: Heimsuchung

Die Geschichte eines Hauses, eines Grundstücks an einem märkischen See über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg. Haus und Grundstück werden von verschiedenen Besitzern und Bewohnern bewohnt, erleben Krieg, Vertreibung, DDR, Mauerfall. Junge und alte, Männer, Frauen und Kinder, glückliche und unglückliche Zeiten. Die Bewohner wechseln, der Leser sieht einen nach dem anderen kommen und gehen. Was bleibt, ist der Garten. Und der Gärtner. Der Gärtner bleibt über all die Jahre da und kümmert sich, schneidet Pflanzen zurück, mäht den Rasen, stapelt Brennholz im Schuppen, kümmert sich um die Bienen und macht das Haus winterfest.

Wahrscheinlich, denkt sie, werden die Sätze einfach alle irgendwann erreicht und mal von dem, mal von jenem gesprochen, da oder dort, wie eben auf einer Flucht allen alles gehört, denn der Gang der Dinge und Menschen war wohl, umgerechnet aufs Leben, im Grunde genommen immer der gleiche wie auf der Flucht. Im Frieden war es die Armut, und im Krieg war es die Front, die die Menschen vor sich herschob wie eine lange Reihe von Dominosteinen, einer schlief in des anderen Bett, benutzte dessen Kochzeug, aß die Vorräte auf, die der andere hatte stehen lassen müssen. Nur enger wurde es in den Zimmern, je mehr Bomben fielen. Angekommen ist sie schließlich hier, in diesem Garten, und wenn der Gong sie zum Essen ruft, hält sie für möglich, dass dieser Gong sie schon damals gerufen hat, als sie ihrem Hof endgültig den Rücken kehrte und sich mit den drei Enkeln, einem Federbett und einem blaugesprenkelten Kochtopf auf den Weg machte. Wenn man angekommen ist, heißt die Flucht dann immer noch Flucht? Und wenn man auf der Flucht ist, kommt man dann jemals an? (S. 131)

Das ist wirklich große Literatur. Ich habe kurz ein bisschen gebraucht, um reinzukommen, und dann hat es mich (ebenso wie Erpenbecks „Wörterbuch“) sehr erwischt. Großartig und unglaublich intensiv und poetisch und berührend. Und wie im wirklichen Leben: es kommen einem nicht alle Figuren gleich nah. Manche dafür sehr. Lauter Leute, die eine besondere Beziehung zu diesem Haus, diesem Grundstück, diesem See haben, die alle ihre Lebensgeschichte haben, die fast alle auch Schlimmes erleben und ganz unterschiedlich damit umgehen. Außer dem Gärtner, der hat keine Geschichte, er hat den Garten, und er bleibt. Lesen, bitte. Wundervolles Buch. So leise. Ich mag so leise Bücher, in denen die Geschichte eher unspektakulär daherkommt und doch große Schicksale beschrieben werden. Sehr, sehr tolles Buch.

Jenny Erpenbeck wohnt im Regal zwischen Till Endemann und Jeffrey Eugenides.

Link  *  25.09.09 00:43  *  comment

 

Britta, 25. September 2009 21:36:32 MESZ
Tja, so weit her ist es mit meiner Konsequenz. Jedenfalls freut es mich, dass du hier über dieses Buch geschrieben hast, ich hab's mir nämlich vor längerer Zeit auch gekauft und bin über die ersten dreißig Seiten nicht hinausgekommen. Jetzt werd ich's wohl doch nochmal wieder in die Hand nehmen.

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isabo, 26. September 2009 13:32:23 MESZ
Ja, mach das, unbedingt, ich habe auch ein bisschen Anlauf gebraucht, aber dann! Lohnt sich, wirklich.

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ichichich, 27. September 2009 12:26:44 MESZ
Hihi: twitter.com

(Ich fand es ebenfalls grandios.)

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isabo, 27. September 2009 20:59:38 MESZ
Dieser "ichichich", den Sie da verlinken, hat dummerweise seine Tweets abgeschlossen. Wenn Sie das vielleicht noch hier zitieren wöllten?

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ichichich, 28. September 2009 09:59:48 MESZ
Aber gerne. Dieser seltsame Mensch schrieb: Jenny Erpenbecks "Heimsuchung" ist stellenweise von einer so leichtfüßigen Poesie erfüllt, da wird einem ganz blümerant zumute manchmal.

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