Fit und Well: Hamam (2)
Wenn wir eh schon so viel Geld ausgeben, sagt A, dann können wir auch noch die zehn Euro für die Ganzkörpermassage drauflegen. Und da hat sie natürlich recht, macht ja fast gar keinen Unterschied.
Wir sind allein da. Es ist unglaublich warm, es kommt mir wärmer vor als sonst. Und dämmrig und dunstig. Es hallt, als wir die Wasserhähne aufdrehen und uns Wasser aus den Messingschalen übergießen, über die Beine, über die Arme, schließlich über den Kopf. Mir ist es schon gleich zu warm, ich lasse kühleres Wasser nachlaufen. Wann hat es eigentlich aufgehört, dass ich so gefroren habe? Früher war ich immer so durchgefroren und hatte das Gefühl, nie wieder warm werden zu können, das ist schon seit ein paar Jahren weg. Ach, herrlich, seufzt A.
Wir legen uns auf den riesigen beheizten Marmorblock unter der Kuppel. Und liegen so rum und werden schwer und träge und noch wärmer. Wir erzählen uns, was es Neues gibt. Und dann schweigen wir ein bisschen. Ach, herrlich, seufzt A. Wir gießen uns noch einmal kühleres Wasser über den Kopf, tauchen das Umwickel-Handtuch hinein und wickeln es uns wieder um, legen uns wieder auf den heißen Stein. Und erzählen uns Geschichten von Kunden und Kollegen. Ach, herrlich, seufzt A. Und gießen uns noch einmal Wasser über und legen uns wieder hin und erzählen uns Geschichten von Männern. Ach, herrlich, seufzt A. Wir gießen uns Wasser über. Es ist sehr, sehr warm. Und es macht Spaß, so mit dem Wasser herumzuplanschen wie die Kinder, einfach noch mehr Wasser über sich zu kippen, ach, herrlich. Und so warm. Draußen, denken wir, laufen die Leute alle durch Geschäfte und kaufen Weihnachtsgeschenke und haben Stress. Und wir liegen hier auf dem heißen Stein und haben es warm und nass und erzählen uns Geschichten von Leuten aus dem Internet. Ach, herrlich.
Als wir uns gerade wundern wollen, ob sie uns vielleicht vergessen haben, kommen zwei Tellaks herein, und wir werden auf die Waschtische gebeten.* Da liegen wir dann und werden mit einem kratzigen Handschuh abgerubbelt, die Haut löst sich in lauter kleine Ribbelchen auf, meist sagen sie einem dann, das liege daran, dass man so selten hingeht. Diesmal komme ich meinem Tellak zuvor, ich sage „dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass ich hier war“, da sagt er: „ach, das ist im Hamam immer so.“ Er schwappt mir die Ribbelchen mit viel Wasser weg, dann kommt der Seifenschaum, der so nach Zitrone duftet, und ich werde gewaschen. Das Waschen geht nahtlos in die Massage über, unglaublich, wo man überall verspannt sein kann, an den Fußmuskeln, an den Waden und an den Schienbeinen, warum macht es so viel Wohlschmerz, wenn er an meinen Schienbeinen hochfährt? Und wohin um alles in der Welt biegt er mein Bein, will er mir das ausrenken, aua!
Auf der anderen Schlachtbank stöhnt A.
Anderes Bein, gleiches Spiel, ich liege auf dem Bauch, er knickt meinen Unterschenkel nach oben und biegt ihn zur Seite, bis ich glaube, er renkt mir gleich das Bein aus. Dann mein Rücken, auauau, der Mann ist nicht zimperlich, drüben stöhnt A. Mein Tellak legt mir die Hand auf den Rücken und drückt schnell und plötzlich, zack!, es knirscht, ich hasse das, ich finde Einrenken grauenhaft, entsetzlich, ich habe Angst davor, es gibt tausenderlei sanftere Methoden. Es macht mir nichts, wenn es beim Massieren weh tut, im Gegenteil, aber bitte renkt mich nicht ein, niemals nicht.
Lockermachen. Ich soll mich umdrehen, der Zitronenschaum ist mächtig glitschig. Mein Tellak hält mich in einer fast zärtlichen Geste fest und passt auf, dass ich nicht vom Tisch rutsche. Drüben stöhnt jetzt As Tellak. Meiner massiert mir den Bauch, das fühlt sich sehr seltsam an. Dann geht er an meine Halswirbelsäule, da habe ich immer Probleme, vorsichtig, sage ich. Es tut unglaublich gut, wie kann es so gut tun, wenn einem einfach jemand am Kopf zieht? Nebenan ächzen A und ihr Tellak im Duett, scheint ordentlich Arbeit zu sein.
Der Masseur schiebt mir von oben die Hände unter den Rücken und drückt von unten gegen mein Körpergewicht an, meine Güte, was sind das alles für Knubbel in meinem Rücken? Dann legt er mein eines Bein über das andere und zieht in die eine Richtung, gleichzeitig den entgegengesetzten Arm in die andere Richtung, Dehnübung, gegeneinanderdrehen, und plötzlich macht er wieder zack! und es knirscht und er hat irgendwas eingerenkt, habe ich schon gesagt, dass ich das nicht leiden kann? Als dieselbe Übung auf der anderen Seite dran ist, merkt er schon, dass ich mich anspanne, locker bleiben, sagt er, und ich sage, das kann ich nicht. Aber statt zu sagen, ich möchte das wirklich nicht, sage ich nur, ich habe Angst, und da macht er zack!, und es knackt nicht, weil ich dagegengehalten habe. Der Tellak schüttelt den Kopf, das hat ihm nicht gefallen. Aber er versucht es nicht noch mal, Gott sei Dank. Drüben ächzt es.
Meine Arme, immer wieder streicht er mir die Arme entlang, massiert meine Hände, das ist alles so wunderbar. Und noch mal am Hals, und noch mal überall, eine letzte Ladung Seifenschaum, alles abwaschen und dann ist es leider schon wieder vorbei.
Wir sitzen noch lange im Ruheraum und sind gar nicht so ruhig. Träge wohl. Wir sind immer noch allein und erzählen uns Geschichten von Kunden und Kollegen, Männern und Frauen und Menschen aus dem Internet und Urlaubsreisen, und dazu trinken wir süßen Granatapfeltee.
(Schon älter: Hamam 1)