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Samstag, 4. April 2009
Is a book

Uzodinma Iweala (Marcus Ingendaay): Du sollst Bestie sein!

Das fängt so an. Mich juckts, wie wenn Insekten auf meiner Haut krabbeln, und dann kribbelt mein Kopf, genau zwischen den Augen, und dann will ich niesen, weil die Nase juckt. Dann kommt Luft in mein Ohren, und ich hör soviel Sachen auf einmal. Ticken von Insekten, Geräusch von Trucks, die knurren wie Tiere, und dann wie einer brüllt ALLE MANN ABSITZEN UND SICHERN! LOSLOS, TEMPO, BEWEGT EUCH! Schon die Stimme trifft mich wie Machete.

Die Geschichte eines Kindersoldaten in einem namenlosen Land in Afrika. Die „Soldaten“ bzw. Rebellen finden ihn irgendwo und zwingen ihn, sich ihnen anzuschließen; er wird zum „killen“ gezwungen, bekommt Drogen, die ihn in einen Blutrausch versetzen, wird missbraucht, hat Hunger und Durst und Angst verrückt zu werden und Angst zu leben und Angst zu sterben. Zwischendurch schließt er die Augen und denkt an die Zeit vor dem Krieg zurück, an seine Familie, die Schule, die Lieder und Tänze, sein Dorf.
Natürlich ist das alles grauenhaft. Aber so richtig nahe ist es mir nicht gekommen, und ich kann nicht genau sagen, woran es liegt. Zweierlei habe ich im Verdacht: Zum einen hatte ich die ganze Zeit im Hinterkopf, dass der Autor Amerikaner ist und in Harvard studiert hat und sich bei seiner Creative Writing-Lehrerin bedankt. Der Gedanke „ist ja alles ausgedacht“ ist natürlich irgendwie kindisch, das denke ich ja bei anderen Romanen auch nicht dauernd mit. Die alte Auschwitz-Frage, wer ist „berechtigt“ oder in der Lage, über dieses Grauen zu schreiben: nur, wer es erlebt hat, oder kann es jemand, der es nicht erlebt hat, vielleicht besser? Ich habe keine Antwort und ärgere mich über mich selbst, dass ich das überhaupt immer mitdenke. Noch mehr ärgere ich mich über das Rezensionszitat auf dem Rücken: „Wer dieses Buch zuklappt, muss kein anderes mehr zum Thema lesen. All die Versuche von ehemaligen Kindersoldaten, ihren Leidensweg authentisch zu schildern, verblassen neben diesem grandiosen und furchterregenden Roman.“ (Bartholomäus Grill, Die Zeit) Hallo? Na klar, 150 Seiten lesen, Thema erledigt, mehr braucht man nicht. Und ehemaligen Kindersoldaten vorzuwerfen, dass sie weniger gut schreiben als ein Harvardabsolvent, das ist zynisch.
Das andere Problem ist die Kindersprache. Marcus Ingendaay hat das im Deutschen sehr stringent und in sich schlüssig gemacht, und ich bin hin- und hergerissen, wie ich das finden soll. Man kann nicht Kindersprache so schreiben, wie Kinder wirklich sprechen. Vielleicht ist es in diesem Fall aber gut, es zu versuchen, damit man beim Lesen nie vergisst, dass der Erzähler ein Kind ist. Aber wer so sprachempfindlich ist wie ich, kann diese Sprache nie ausblenden, man denkt immer auch über die Sprache nach oder bemerkt sie zumindest, und vielleicht führt auch das dazu, dass ich immer einen gewissen Abstand zum Inhalt behalten habe.

Jetzt liest sich das, als hätte ich das Buch nicht gut gefunden. Das stimmt aber gar nicht, es ist ein sehr gutes Buch und es ist grauenerregend und ich empfehle es hiermit ausdrücklich.

Iweala bekommt einen Regalplatz zwischen Kazuo Ishiguro und P.D. James.

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Last modified: 09.12.13 22:30
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Kommentare
Anderthalbfache Unterstützung!
Christl Klein, vor 4 Jahren
Hm, Tempers Kommentar ist ja
schon von 2008 - ich schätze eher nicht, dass...
isabo, vor 5 Jahren
Zettel's Ingo Maurer Hallo,
ich habe Ihren Beitrag zur Zettel's-Lampe gefunden. Da ich sie gerne...
Christiane Thomaßen, vor 5 Jahren
das ist ein hobby
von mir. antizyklisches kommentieren ;)
fabe, vor 5 Jahren
Das hier ist ja
schon eine Weile her. Hihi.
isabo, vor 5 Jahren
hier war ja neulich
stromausfall. menschen sind merkwürdig.
fabe, vor 5 Jahren
endlich endlich setzt jemand ein
Zeichen gegen das ständige Aussterben schöner Wörter! Da bin ich...
federfee, vor 5 Jahren
Lassen Sie doch vielleicht mal
Ihr Assoziationsmodul überprüfen, das spielt ja geradezu verrückt. Das...
isabo, vor 5 Jahren
Oh, vielen Dank!
isabo, vor 6 Jahren
grosses Lob Liebe Isabo,
bin ueber Meike auf Dich gestossen und finde Deine Texte ganz...
LvO, vor 6 Jahren
Der Verein lebe hoch, anderthalb
mal hoch Bin dabei.
Jolen, vor 6 Jahren
Da spricht mir wer aus
der Seele. Ich gebe mir auch schon seit Jahren...
Cuguron, vor 6 Jahren
Ha, wir haben auch nur
Fangen (hieß einfach "fanga") ohne so ein Hintertürchen gespielt....
Irene, vor 6 Jahren
Meiner hat mir nur von
dem Smiley auf seiner Krone erzählt. Und ob ich...
strandfynd, vor 6 Jahren
Bin gerade erst über das
Interview gestolpert - für mich als Auch-Japanisch-Übersetzerin doppelt und...
frenja, vor 6 Jahren
Beide haben Fahnenmasten, der linke
und der rechte Nachbar. Und beide haben die Deutschlandfahnen...
croco, vor 6 Jahren
das hier geht woanders
nicht besser, aber versuch macht kluch...
don papp, vor 6 Jahren
Ja. Ich habe aber erstens
Schimpfe bekommen für dieses wunderschöne, kühle, coole, elegante, heißgeliebte...
isabo, vor 6 Jahren
Sie wissen aber schon,
dass das hier schöner ausschaut?
leavesleft, vor 6 Jahren
Gute Entscheidung. Trennung in beruflich
und privat ist unpraktisch (für alle Beteiligten) und wenig...
textundblog, vor 6 Jahren
Jo. Dann.
isabo, vor 6 Jahren
Möchten Sie es wissen?
kinomu, vor 6 Jahren
alles gute und auf nach
drüben!
skizzenblog, vor 6 Jahren
ja ja ja!!! ES geht
es geht es geht!!! (aber halt ohne Editieren, wurscht!)...
g a g a, vor 6 Jahren
Ich GLAUBE, ich habe
das Captcha- Dings jetzt weggemacht. Kannst Du es nochmal veruschen?
isabo, vor 6 Jahren

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