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Mittwoch, 13. Mai 2009
Is a book

Hans-Ulrich Treichel: Der Verlorene

Erstaunlich. Am Anfang hat es mich genervt, und am Ende bin ich nicht sicher, wie ich das Ende finden soll, und trotzdem sage ich aus voller Überzeugung: großartiges Buch. Genervt hat mich anfangs der Stil:

Ich begriff auch, dass Arnold verantwortlich dafür war, dass ich von Anfang an in einer von Schuld und Scham vergifteten Atmosphäre aufgewachsen war. Vom Tag meiner Geburt an herrschte ein Gefühl von Schuld und Scham in der Familie, ohne dass ich wusste, warum. Ich wusste nur, dass ich bei allem, was ich tat, eine gewisse Schuld und eine gewisse Scham verspürte. So verspürte ich beispielsweise immer während des Essens eine Schuld und eine Scham, ganz unabhängig von der Speise, die mir vorgesetzt wurde. Wenn ich ein Stück Fleisch aß, regte sich mein Gewissen, und ebenso regte es sich, wenn ich eine Kartoffel oder meinen Nachtisch aß. Ich fühlte mich schuldig, weil ich aß, und ich schämte mich, weil ich aß. Wohl spürte ich sehr genau, dass ich mich schuldig fühlte und dass ich mich schämte, aber es war mir gänzlich unerklärlich, warum ich, der ich doch nichts weiter als ein unschuldiges Kind war, mich wegen eines Stückes Fleisch oder einer Kartoffel schämen oder gar schuldig fühlen musste. Ebenso unerklärlich war mir, warum ich mich schuldig fühlen musste, wenn ich Radio hörte, Fahrrad fuhr, mit den Eltern einen Ausflug oder Spaziergang machte.

Und so weiter. Aaanstrengend! Na gut, ich sehe ein, dass das an dieser Stelle ganz angemessen ist. Und es hört dann auch glücklicherweise auf.
„Der Verlorene“ ist Arnold, der ältere Bruder des Ich-Erzählers, der auf dem Flüchtlingstreck aus Polen im letzten Kriegsjahr verlorengegangen ist. Die Eltern, vor allem die Mutter, kommen mit diesem Verlust nicht zurecht, sie hören nicht auf, nach dem Verlorenen zu suchen. Der Erzähler hingegen kannte seinen Bruder gar nicht, er hat niemanden verloren und vermisst niemanden. Die Familienmitglieder gehen ganz unterschiedlich mit dieser Diskrepanz um, überfordert sind sie alle. Sehr berührend, auch wenn der Erzähler eine sonderbare Distanz zu sich selbst zu haben scheint.
Der Klappentext zitiert Verena Auffermann: „Traurig wie Nachsitzen, komisch wie überstandene Katastrophen und skurril wie das vergangene Leben.“ Skurril sind tatsächlich die erbbiologischen Gutachten, die da eingeholt werden, aber komisch kann ich das alles nicht finden. Sehr gutes Buch, dringende Empfehlung.

Hans-Ulrich Treichel wohnt im Regal zwischen B. Traven und Sakae Tsuboi.

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