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Mittwoch, 15. Juli 2009
Is a book

Johanna Adorján: Eine exklusive Liebe

Vera und Istvan (Pista) sind ein ungarisch-jüdisches Paar, das den Holocaust überlebt (Pista teilweise in Mauthausen), das während des Budapester Aufstands flieht und sich schließlich in Kopenhagen niederlässt, sich ein Leben lang siezt und Kette raucht. 1991 ist Pista sehr krank, totkrank, und Vera will nicht ohne ihn leben. Sie begehen gemeinsam Selbstmord.
Vera und Istvan waren Johanna Adorjáns Großeltern. Sie ist 1971 geboren, war bei dem Doppelselbstmord ihrer Großeltern also 20 Jahre alt. In der Familie wurde kaum darüber gesprochen, wie über vieles nicht, und Johanna Adorján macht sich nun daran, das Leben, vor allem aber den Charakter ihrer Großeltern in Erfahrung zu bringen.
Dies ist kein Roman. Zwar rekonstruiert Adorján in einem Strang den letzten Tag ihrer Großeltern, erzählt, wie sie den Hund wegbringen und die Rosen winterfest machen und miteinander sprechen und so weiter, aber sie lässt keinerlei Zweifel daran aufkommen, dass sie sich das zum größten Teil ausdenkt. Und dazwischen berichtet sie, wie sie verschiedenste Menschen aufsucht, die im Leben ihrer Großeltern eine Rolle gespielt haben, und sie nach ihnen ausfragt. Und sehr oft stellt sie auch im Buch einfach Fragen, statt Behauptungen aufzustellen.
Ich habe ein bisschen gebraucht, um mich in diesen Erzählstil einzufinden. Aber dann wird es immer berührender, die Distanz verringert sich, ich hatte mehr als einmal einen Kloß im Hals. Und am Ende möchte man noch viel mehr über dieses ungewöhnliche Paar wissen.

"Hoffen Sie, eines Tages nach Ungarn zurückzugehen?"
"Es ist noch nicht so lange her, dass ich dieses Gefühl habe, aber seit dem letzten Monat habe ich wirklich das Gefühl, dass wir in Dänemark zu Hause sind. Wenn ich in die Stadt gehe oder einkaufe, habe ich immer ein Bild von meinem Zuhause im Kopf. Früher habe ich da unsere Wohnung in Budapest gesehen – jetzt sehe ich unsere Wohnung in Hørsholm.“
Aus Budapester Juden waren dänische Staatsbürger geworden. Sie wollten nicht auffallen, wollten dazugehören, niemand sollte wissen, dass sie Kommunisten gewesen waren, dass sie jüdisch waren, jüdische Kommunisten aus Osteuropa – all das sollte nicht mehr gelten. Wie hatte Julika sich ausgedrückt: Das Leben hat 1945 angefangen. Und in Dänemark fing jetzt wieder ein neues an. Das dritte und letzte Leben meiner Großeltern.
Blickten sie je zurück?
Einmal, in einer Aktion, die wirklich als äußerst ungewöhnlich bezeichnet werden muss, haben meine Großeltern zusammen das ehemalige Konzentrationslager Mauthausen besucht. Es muss in den späten Siebziger- oder frühen Achtzigerjahren gewesen sein. Sie waren gerade bei uns in München zu Besuch, haben sich unseren Peugeot ausgeliehen und sind hingefahren. Als sie am Nachmittag zurückkamen, sagte mein Großvater nur einen Satz: „Mit dem Auto hinzukommen, ist viel angenehmer als zu Fuß.“

Johanna Adorján kommt im Regal zwischen Aravind Adiga und Tschingis Aitmatov.

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