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Mittwoch, 29. Juli 2009
Is a book

Kressmann Taylor (Dorothee Böhm): Adressat unbekannt

Der Deutsche Martin Schulse und der amerikanische Jude Max Eisenstein hatten gemeinsam eine Galerie in San Francisco. Schulse geht mit seiner Familie nach Deutschland zurück, Eisenstein führt die Geschäfte weiter, und hier fängt dieser sehr kurze Briefroman an. Mit Briefen der beiden, Briefen voller inniger Freundschaftsbekundungen. Aber es ist 1932.

Lieber alter Max,
Du hast bestimmt von den neuen Ereignissen in Deutschland gehört und wirst wissen wollen, wie es sich für uns aus der Innensicht darstellt. Um die Wahrheit zu sagen, Max, ich glaube, dass Hitler in einiger Hinsicht gut für Deutschland ist, aber sicher bin ich mir nicht. Er führt nun als Kanzler die Regierungsgeschäfte, und ich denke, selbst Hindenburg könnte ihn jetzt nicht mehr stürzen, da er ja gezwungen war, ihn an die Macht zu bringen. Der Mann ist wie ein elektrischer Schock, so stark, wie nur ein begnadeter Redner oder ein Fanatiker es sein kann. Aber ich frage mich, ob er richtig im Kopf ist. Seine Braunhemden sind nichts als Pöbel. Sie plündern und haben mit böser antijüdischer Hetze begonnen. Aber vielleicht sind dies nur Nebensächlichkeiten, der leichte Schaum an der Oberfläche, der entsteht, wenn eine große Bewegung zu sieden beginnt.

Innerhalb kürzester Zeit wächst Martins Begeisterung für Hitlers Ideen, er geht selbst in die Politik, schließlich kündigt er Max die Freundschaft. Es passiert etwas, und dann nimmt die Sache eine Wendung, die man allerdings schon ahnt, wenn man das doofe Vorwort von Frau Heidenreich gelesen hat. (Ich habe es auch nur zur Hälfte gelesen. Kann man sich sparen.)
Die Geschichte erschien in Amerika erstaunlicherweise bereits 1938. Der reine Text, ohne das Vorwort, hat nur vierzig Seiten. Vierzig Seiten, die wie eine Art Essenz wirken; hochkonzentriert, sie hauen einen um, man hat vielleicht das Gefühl, es müssten eigentlich noch mehr Briefe dazwischengehören, aber man braucht sie nicht, diese paar hier reichen. Sie haben genügend Wucht, dass einen das kalte Grausen packt, obwohl man bereits reichlich solche Geschichten kennt. Sehr intensiv. Das Büchlein kostet keine fünf Euro, und man hat es in einer Stunde gelesen. Tut das.

(Ich bin übrigens dadurch auf das Buch gestoßen, dass eine Dame bei Kaffee.Satz.Lesen damit ankam, sie war sehr begeistert und schlug vor, es bei KSL vorzulesen. Das passte nun leider gar nicht in unser Konzept, aber es klang so interessant, dass ich mir den Titel notiert habe. Liebe unbekannte Dame: danke.)

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