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Sonntag, 11. April 2010
Is a book

Elisabeth Rank: Und im Zweifel für dich selbst

Man rechnet ja nicht damit. Wir glaubten an ein Morgen, wir fuhren in den Urlaub, und wir sagten: bis bald. Wir blieben tagelang im Bett liegen, vor allem, wenn wir frisch verliebt waren, das geschah ein paar Mal, als wir noch zur Schule gingen. Mit einem Abschluss rechneten wir und mit einem Danach. Wenn man uns nach Heirat und Kindern fragte, schüttelten wir den Kopf, aber immer nur auf Zeit, denn wir wussten, irgendwann kommt der Moment, in dem wir nicht mehr so vehement den Kopf schütteln, sondern eher langsam. Später zuckten wir nur noch mit den Schultern, antworteten nicht mehr. Ein Ja hoben wir uns auf, verrieten es niemandem, aber hatten es fest in der Hand, weil man das so machte. (S. 34)

Lene, Anfang zwanzig, hat den Mann ihres Lebens gefunden, mit ihm ist auf einmal alles leicht. Alles, was in Beziehungen immer schwierig war, geht mit Tim einfach. Und dann kommt Tim bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Lene und ihre beste Freundin Tonia fahren mit dem Auto einfach los, raus aus Berlin, weg von allem Vertrauten, eine Flucht, nur weg, egal wohin. In Berlin erinnert alles an Tim. Sie fahren kreuz und quer durch Mecklenburg und reden nur wenig und stehen am Feldrand und weinen und übernachten irgendwo und schlafen zwischendurch im Auto und beschließen endlich, ans Meer zu fahren.

Sie sah fehl am Platz aus, vielleicht war es auch nur ihr Gesicht, aber in dem Moment gab es nichts, das trauriger hätte sein können als dieses Mädchen – und manchmal musste ich mir wirklich ins Gedächtnis rufen, dass dieses traurige Mädchen Lene war und nicht irgendjemand, eine Fremde.

Tonia ist dabei genauso überfordert wie Lene und weiß genauso wenig, was sie tun, wie sie mit der Situation umgehen soll. Und dann wird Lene auch noch krank, sie bekommt Fieber. Als Tonia auch nicht mehr kann, ruft sie Vince an. Vince ist Lenes Mitbewohner, und Tonia hat eine besondere Beziehung zu ihm. Das weiß aber niemand, vor allem nicht Friedrich, Tonias Freund, mit dem es nicht besonders rund läuft. Vince stößt an der Ostsee zu den beiden, sie verbringen ein paar Tage zu dritt in einem Wohnwagen, dann müssen sie zurück nach Berlin, zu Tims Beerdigung.
Und die Beerdigung wirft dann auch den Leser um, der bislang noch tapfer war. Während der Fahrt durch das Berliner Umland irrt das Buch manchmal ebenso ziellos umher wie die beiden Frauen. Aber am Meer geht es nicht mehr weiter, man kann nur noch umkehren, und am Ende läuft so ein Todesfall nun mal auf eine Beerdigung hinaus, es geht nicht anders, als dass man schließlich an einem offenen Grab steht. Dem müssen sich auch die drei stellen.
Ich verdrücke gern mal ein Tränchen beim Lesen. Aber hier habe ich richtig geweint. Vor ein paar Wochen war ich auf Elisabeths Lesung aus diesem Buch, da habe ich auch schon geweint. Und ich behaupte, das ist ein Qualitätsmerkmal. Wenn ein Text mir emotional so nah kommt, dann hat die Autorin offenbar etwas richtig gemacht. (Und in dem Fall sicher nicht billig auf die Tränendrüse gedrückt.) Die Hilflosigkeit über weite Strecken des Buches – nicht zu wissen, wohin, und was man mit sich anfangen soll und wie überhaupt eine Zukunft aussehen soll, das macht einen stumm; am Ende schließlich bricht der ganze Schmerz hervor. Und das alles, ohne dass Lisa Rank Gefühle beschreiben würde; sie geschehen einfach. Wer gerade jemanden verloren hat, möchte es vielleicht nicht lesen. Alle anderen schon.

Lisa Rank bekommt einen Regalplatz zwischen Fabrizia Ramondino und Sven Regener.

P.S.: Ja, wir kennen uns, aus diesem Internet. Nicht besonders gut, aber ich mag sie sehr. Aber das Buch hätte ich auch so empfohlen.

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