Die Hymne
So, lange angekündigt, hier kommt die Hymne auf den Kollegen Dirk van Gunsteren. Erstmal das Buch: Alles ist erleuchtet von Jonathan Safran Foer. Ein junger amerikanischer Jude, der zufällig Jonathan Safran Foer heißt, reist in die Ukraine, um im Schtetl Trachimbrod eine Frau namens Augustine zu suchen, die seinen Großvater im zweiten Weltkrieg vor den Nazis versteckt und ihm damit das Leben gerettet haben soll. Dazu mietet er sich einen Dolmetscher, Alex (Sascha), der ein fürchterlicher Angeber ist, und einen Fahrer, Alex’ fast blinden Großvater. Desweiteren reist die meschuggene Hündin Sammy Davis jr. jr. mit. Nach ihrer Heimkehr schreibt Alex als Ich-Erzähler über die Reise, und Jonathan schreibt über die Geschichte seiner Familie und des Schtetls – bis ins 18. Jahrhundert holt er aus und endet mit dem Krieg. Die beiden schicken sich regelmäßig das zu, was sie geschrieben haben, und so finden sich neben diesen beiden Erzählsträngen und –perspektiven auch noch Briefe von Alex an Jonathan. Und das ist so ein kleines bisschen das Problem des Buchs, ich finde es eine Spur zu durchkonstruiert. Das macht aber nichts, denn es steckt voller wunderbarer, skurriler Geschichten und Gedanken, die von einem unglaublich melancholischen und liebevollen Humor durchdrungen sind, sodass man plötzlich doch wieder 50 Seiten mehr gelesen hat und es schon wieder mitten in der Nacht ist.
Alex bemüht sich sehr darum, ein idiomatisches Englisch zu sprechen und zu schreiben. Und das geht, wie es einem in Fremdsprachen ja gerne mal geht, nämlich häufig schief. Was der Übersetzer daraus gemacht hat, ist brillant. Er konstruiert neue Wörter nach den gängigen deutschen Wortbildungsregeln – da gibt es eine Ehrfürchtung und verschiedene Geschehenheiten, und wenn Alex weniger beeindruckt ist als erwartet, ist er eben unterwältigt. Außerdem benutzt er Wörter, die haarscharf daneben liegen: Er vertreibt den Staub von einem Buch, er guckt Fernsehen an, sein Haar ist in der Mitte durchgeteilt und er sehnt oft etwas oder informiert andere von etwas. Redewendungen gehen natürlich auch meist durcheinander, da sitzt jemand zwischen einer Zwickmühle oder muss kleine Brötchen schlucken. Einer von Alex' Briefen an Jonathan endet mit „Ich erwarte deinen Brief mit Erwartung. Redlich, Alexander“.
All diese Tricks (und noch viel mehr) werden in genau der richtigen Dosis angewandt – so, dass eine runde, in sich stimmige Sprache daraus entsteht, die plausibel ist, und die nicht nervt. Das finde ich ganz wichtig, denn man kann's ja auch übertreiben, und dann wird es furchtbar anstrengend. Ist es aber nicht, es ist perfekt.
Irgendein beliebiger Absatz, Seite 106:
Nach dem Abendessen im Restaurant fuhren wir wieder in das Hotel. Ich wusste, dass es ein unübereindruckendes Hotel war. Es gab keine Gegend zum Schwimmen und keine berühmte Diskothek. Als wir die Tür zum Zimmer des Helden aufschlossen, konnte ich wahrnehmen, dass er genervt war. "Es ist nett", sagte er, weil er wahrnehmen konnte, dass ich wahrnehmen konnte, dass er genervt war. "Es ist ja auch nur zum Schlafen." "Gibt es nicht Hotels wie dieses in Amerika?" Ich machte einen Witz. "Nein", sagte er und lachte. Wir waren wie Freunde. Zum ersten Mal, seit ich mich erinnern konnte, fühlte ich mich ganz und gar erstklassig. "Pass auf, dass du die Tür mit dem Schlüssel verschlossen hast, wenn wir zu unserem Zimmer gegangen sind", sagte ich. "Ich will dich nicht zu einem todängstlichen Menschen machen, aber es gibt viele gefährliche Menschen, die von Amerikanern Dinge wegnehmen wollen, ohne zu fragen, und sie auch kidnappen können." Der Held lachte wieder, aber er lachte, weil er nicht wusste, dass ich keinen Witz machte.
Auch der andere Erzählstrang, in dem Jonathan die Geschichte des Schtetls erzählt, ist ungeheuer charmant, einfach alles, die Geschichten, die Sprache, ich bin hingerissen. Es ist ein sehr erstklassiges Buch, sowieso schon, und dazu ein übereindruckendes Beispiel für die hohe Übersetzungskunst. Sensationell! Lesebefehl!
PS: Ich bin übrigens ganz erleichtert, nachdem ich in letzter Zeit einiges gelesen habe, was ich so mittel fand, endlich mal wieder etwas, was mich richtig begeistert. Ansonsten bin ich allerdings ü-ber-haupt nicht gut auf den feinen Herrn Kollegen zu sprechen. Mein übersetzerisches Selbstbewusstsein war nämlich in letzter Zeit ganz gut. Hochmut kommt vor dem Fall, jetzt kann ich mich dann erstmal wieder in Demut üben. Aber wenn ich mal groß bin, möchte ich so was auch können!