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Der Schlafanzug

Böse Menschen verlangen von mir, diese Geschichte zu schreiben. Der lustige Mann wird mich deswegen wahrscheinlich verlassen, aber dann wisst Ihr wenigstens, wer Schuld ist.

Als ich den lustigen Mann kennen lernte, vor vielen, vielen Jahren, als Twix noch Raider hieß, als Bette Davis starb, Lambada von Kaoma auf Platz eins war und irgendwo eine große Mauer eingerissen wurde, besaß er nämlich diesen Schlafanzug. Den hatte ihm weitere viele Jahre zuvor seine Mama gekauft, so ein Schlafanzug war das. Ein Schlafanzug, wie Mamas sie gerne für ihre Söhne kaufen, aus kuscheligem Frottee, hellgraue Hose, hellgrau-hellblau gestreiftes Oberteil. „Lieber lustiger Mann“, sprach ich mit soviel Strenge, wie ich aufbrachte, und das war nicht viel, denn ich musste lachen, „dieser Schlafanzug geht ja wohl überhaupt nicht. Der muss weg.“ – „Liebe kluge Frau“, antwortete der lustige Mann, „ich weiß, dass dieser Schlafanzug überhaupt nicht geht. Aber er ist doch so kuschelig und gemütlich.“ Dagegen konnte ich nun schlecht etwas vorbringen. Wenn es kalt war, im Winter, trug der Mann den kuscheligen, hellblau-hellgrauen Frotteeschlafanzug, mit Bündchen, ein bisschen eng unter den Achseln, aber so gemütlich und ziemlich unsexy. Ich lachte ihn aus und spottete und machte spitze Bemerkungen und investierte eines Tages eine für mein Studentenbudget ziemlich beträchtliche Menge Geld in einen schicken, gemütlichen, kuscheligen Herrenpyjama aus Baumwollflanell, schottisch kariert, vorne geknöpft und mit Kragen. Der lustige Mann freute sich sehr und trug das olle Frotteeding nicht mehr. Das hätte er auch gar nicht gekonnt, denn das trug fortan ich. Ich sah sehr unsexy aus und musste immer mit einer Hand die Hose oben festhalten, es war kuschelig und gemütlich, und der wunderbare Mann lachte mich nicht aus, spottete nicht und machte keine spitzen Bemerkungen.
Als wir den Schlafanzug vor zwei oder drei Jahren wegwarfen, war er ungefähr zwanzig Jahre alt und so fadenscheinig, dass man fast durchgucken konnte. Ein trauriger Moment. Und der neue, kuschelige, schottisch karierte Schlafanzug war schon lange, lange vorher im Müll gelandet.

[Es gibt da diesen herzerweichenden Film mit Nicholas Cage als Engel, der Sterbende abholt und auf die andere Seite begleitet. Gleich in der Anfangsszene holt er ein kleines Mädchen ab und fragt es, was es im Leben am liebsten gemocht habe. „Schlafanzüge“, sagt das Mädchen. „Mit Füßen unten dran.“]

Link  *  2005-09-28 14:42  *  comment

 

chick, Mittwoch, 28. September 2005, 16:01
Vor vielen Jahren musste ich Bekanntschaft machen mit einer himmelblauen, sehr ausgeleierten Schlafanzughose, die an einem jungen Mann meiner Wahl dran war. Fast wäre es ein Glück zu nennen, dass die Schlafanzughose ausgeleiert war, denn wäre sie es nicht gewesen, wäre sie sehr, sehr eng gewesen. So wie diese Hosen, die junge Balletttänzer tragen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Indiskret eng sozusagen. Und das in himmelblau. Als ich ihn sah diesen Traum in bleu, da hub auch ich an zu lachen, spitze Bemerkungen zu machen und wollte die Schlafanzughose der Wohnung verweisen. Das gelang mir zwar nicht, aber immerhin durfte ich sie vom Körper des jungen Mannes verweisen - ein Teilsieg immerhin.

Leider weiß ich nicht, ob der Sieg von Dauer war, denn da der junge Mann zu den Sammlern gezählt werden durfte, mochte er die Schlafanzughose nicht wegwerfen, sondern hortete er sie weiter im Schrank, wenn auch jetzt deutlich schamhafter.

Als der junge Mann dann nicht mehr in meinem Einflussbereich war, hat er sie ja vielleicht wieder hervorgekramt die Schlafanzughose in himmelblau.

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kerstin13, Donnerstag, 29. September 2005, 09:41
schön:)

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mutant, Donnerstag, 29. September 2005, 15:33
pyjama-drama.

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misscaro, Donnerstag, 29. September 2005, 16:21
ach isa: danke, das war wunderbar.
als nächstes bitte die gekreuzigten nikoläuse. :)

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croco, Donnerstag, 29. September 2005, 21:06
Das ist eine schöne Geschichte und Sie haben sie auch wunderbar erzählt.
Wir haben sie auch noch, der große dunkle Mann und ich, die Frotteeschlafanzüge in orange und hellblau. Mittlerweile ähneln wir uns, weich , verbeult und etwas abgenutzt.

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jensscholz, Freitag, 30. September 2005, 08:10
kann es sein, daß ich zumindest den karierten Schlafanzug kenne? Jedenfalls habe ich eine entsprechende Assoziation am WG-Frühstückstisch.

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isabo, Freitag, 30. September 2005, 11:57
Na klar. Und an das Frotteeding erinnerst Du Dich nicht? Seltsam. Vielleicht haben wir das in der Zeit verschämt im Schrank versteckt, weiß ich schon gar nicht mehr.

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jensscholz, Freitag, 30. September 2005, 16:36
naja, allzu traumatische ereignisse werden gemeinhin ja verdrängt...

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phileas, Freitag, 30. September 2005, 12:55
Danke!
Meiner war zwar nicht aus Frottee, aber sonst stimmt alles. Und ergibt eine kuschelige gemütliche Erinnerung an Zeiten, wo Haare da, wo sie wuchsen, noch als normal angesehen wurden.

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