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Gerbrand Bakker (Andreas Ecke): Oben ist es still

Ich habe Vater nach oben geschafft.

Was für ein erster Satz. Was für ein Buch. Helmer schafft seinen bettlägerigen Vater nach oben und renoviert unten das Wohnzimmer und das bisherige Elternschlafzimmer, wo er sich jetzt sein eigenes Schlafzimmer einrichtet. Mit einem neuen Bett und einer Steppdecke. Ein Tag ist wie der andere: melken, das Jungvieh versorgen, ausmisten, nach den Schafen sehen, nach den Hühnern sehen, die Esel versorgen, den Vater versorgen. Ihm etwas zu essen und zu trinken bringen, ihn zur Toilette tragen, ihn waschen.

Nach einem Blick aufs Ziffernblatt sagt er: „Ich hab Hunger.“
„Ich hab auch manchmal Hunger“, sage ich.


Die Mutter ist lange tot, und noch viel länger ist Henk tot, Helmers Zwillingsbruder. Seine zweite Hälfte. Henk hatte eine Freundin, Riet; Henk hätte den Hof übernehmen und mit Riet Kinder haben sollen. Helmer wollte den Hof nicht. Manchmal kommt die Nachbarin Ada vorbei, oder ihre beiden kleinen Söhne. Sie dürfen Helmer mit den Eseln helfen. Und eines Tages kommt ein Brief von Riet.
Ein langsames, leises Buch über die Beziehungen zwischen Vater und Sohn, zwischen Zwillingen, ein wenig auch über die zwischen Mensch und Tier, ein Buch über die Einsamkeit, über Sehnsucht und sehr, sehr viel Unausgesprochenes. Es ist viel Nebel, Winter, Kälte und Frost, aber zwischendurch ist auch Schlittschuhlaufen. Und der Vater will noch einen Frühling erleben, nur noch einen.
Es passiert nicht irre viel, es wird nicht viel gesprochen, und doch ist es spannend; und was mich noch mehr beeindruckt, ist, dass das Buch es überhaupt nicht nötig hat, die Figuren als skurril darzustellen. Sie sind alle auf ihre Weise nicht unbeschädigt, aber ansonsten keine besonders außergewöhnlichen Typen. Gerade das macht es so echt, dadurch kommt es einem so nahe. Und bei aller Tristesse ist der Ich-Erzähler niemals selbstmitleidig, sondern sehr lakonisch.
Völlig neu auf meinem Radar ist der Übersetzer Andreas Ecke. Normalerweise schreibe ich ja nichts über die Übersetzungen (einfach deswegen, weil ich Kollegin bin), aber Ausnahmen bestätigen usw. Diese Übersetzung ist großartig, der Ton ist vollkommen stimmig, passt perfekt zu dem Buch und seinem Erzähler, und! ich habe auf 315 Seiten nicht einen einzigen Fehler bemerkt.

Lest dieses Buch. Wundervoll.

Seine Regalnachbarn sind Nicholson Baker und Honoré de Balzac.

Link  *  26.07.09 19:34  *  comment

 

DerSonntagsblogger, 27. Juli 2009 09:16:25 MESZ
Das klingt wirklich spannend. Ich tue es mal auf meine AmazonWishlist. Mal schauen ob sich jemand erbarmt und es mir schenkt.

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kid37, 15. September 2009 10:40:16 MESZ
Ein klarer Fall offenbar von don't judge a book by its cover. Ist ja schlümm.

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Britta, 15. September 2009 14:32:48 MESZ
Die Worttreppe in den Himmel mit "still" als letzter Stufe finde ich für den Titel aber sehr gelungen. Und das viele Weiß scheint mir auch gut zu passen. Nur die Schafe, die hätten sie von der schneebedeckten Wiese ruhig runterschicken können. Auch wenn ich gegen Schafe sonst nichts habe.

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isabo, 15. September 2009 15:47:42 MESZ
Huch, ich dachte, hier hätte längst mein vor Stunden geschriebener Kommentar gestanden, aber dann ist mir wieder Safari abgerauscht, weil ich ein dussliges YouTube-Video gucken wollte, hab ich je erwähnt, dass mir mein Compu… ach, egal.
Was ich geschrieben hatte, jedenfalls, war: dass ich das Cover gar nicht so schlümm finde, es ist kalt und leer und es sind Schafe drauf, das passt schon. Nur die Typografie finde ich (Entschuldige, Britta) in höchstem Maße albern. Geschmäcker, man kennt das.

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Britta, 15. September 2009 16:13:44 MESZ
Mönsch.

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