Sonntag, 2. August 2009
Is a book too
ichichich,
20:47
Nachdem die Hausherrin mir ihren Schlüssel überlassen hat, dachte ich so: Warum nicht Isas schöne Is-a-book-Rubrik mit ein paar antiquarischen Fundstücken anreichern? Mir täten da schon zwei, drei empfehlenswerte Titel einfallen. Drum beginne ich einfach mal, und zwar mit Walter Greiling – Wie werden wir leben? Econ-Verlag, 1954 Dies ist einer der in Nachkriegszeiten beliebten Versuche, in populärwissenschaftlicher Manier Zukunftsszenarien zu entwerfen. Nennen wir es Vulgärfuturologie – ein bisschen Statistik, eine Prise Naturwissenschaft und viel Phantasie – fertig ist die Zukunft des Jahres 2000 aus Sicht von 1954. Walter Greiling, lange Jahre in der Chemieindustrie tätig, schrieb einige solche Bücher, die allesamt respektable Auflagen erzielten; daneben verfasste er unter dem Pseudonym Walt Grey den Science-Fiction-Roman „Vernichtungsstrahlen“. Während der Nazizeit, auch das muss erwähnt werden, schrieb er das Pamphlet „Chemiker kämpfen für Deutschland“, eine Heroisierung der chemischen Industrie, deren Einsatz für Die Sache™ er in glühenden Farben schilderte. (Letzteres Buch erschien übrigens, wenn mir dieser kurze Einschub gestattet ist, 1940 bei Limpert, einem Verlag, der seine Historie heute grob in die zwei Kapitel „Nach der Gründung“ und „Nach dem 2. Weltkrieg“ unterteilt und damit seine Tätigkeit in den Jahren 1933-45 mal eben ausblendet, was mir sehr bescheiden dünkt, verlegte man doch damals Bücher in Auflagen von sechsstelliger Höhe. Vielleicht liegt es daran, dass darunter auch Werke einer Art waren, die nicht nur der gewissenhafte Antiquar mit dem Zusatz „Seiten stark angebräunt“ versieht: neben einem Propagandamachwerk der Legion Condor und nationalsozialistischer Erbauungsbelletristik von Otto Paust gehörte auch kriegsverherrlichende Durchhalteliteratur von Kurt Hesse dazu, dem Leiter der Gruppe V der Abteilung Wehrmachtpropaganda im Oberkommando der Wehrmacht, der wiederum nach dem Krieg zunächst als Vorsitzender der Akademie für Welthandel in Frankfurt/Main reüssierte und schließlich als Honorarprofessor an die Universität Marburg berufen wurde, womit ich diesen kleinen Exkurs in bundesrepublikanischer Vergangenheitsbewältigung auch schon beenden möchte.) Zurück zu Greiling. Bücher wie das vorliegende liest man ja vor allem in der Hoffnung auf besonders skurrile Erfindungen und drollige Fehlprognosen. Davon gibt es auch hier reichlich. Daneben fällt jedoch der Umstand auf, dass Greiling der damals vorherrschenden Atom-Euphorie so gar nichts abgewinnen konnte. In vergleichbaren Büchern aus dieser Zeit stößt man permanent auf Atomlokomotiven, Atomautos, ja sogar Atomherde für die moderne Hausfrau. Anders hier. Ungewohnt hellsichtig schreibt Greiling, dass „keine noch so raffinierte Ummantelung eine sichere Gewähr […] gegen durchdringende Strahlung und gegen fortgesetzte radioaktive Vergiftung der Apparateteile“ bieten würde und der „Atommüll […] heute schon zu einem ernsten Problem geworden“ sei. Deshalb heißen seine präferierten Energiequellen: Wasser, Wind, Sonne und (man staune:) Biodiesel. Eine zweite verblüffende Prognose betrifft das bedingungslose Grundeinkommen, für deren Empfänger er die schönen Namen „UNO-Rentner“ und „UNO-Stipendiat“ gefunden hat. Leider reichert er diese Idee mit einigen unappetitlichen Gedanken aus der Eugenik-Ecke an, auf die man gerne verzichtet hätte. Aber ich hatte oben noch ein paar drollige Fehlprognosen versprochen. Wollen wir doch mal sehen. Wie sieht es denn z.B. mit der Kommunikation der Zukunft aus? So: „Die Errungenschaften der Technik können nicht von allen benutzt werden. Allein wenn Millionen sich täglich über Rundfunkwellen gegenseitig sehen und sprechen wollen, entsteht ein tolles Durcheinander, und niemand sieht und versteht den anderen mehr am Fernsehschirm.“ Aha. Und die Frauen des 21. Jahrhunderts? Die haben es gut: „Junge Mädchen gehen täglich nur zwei Stunden einer Arbeit nach, die ihnen wie ein bequemes Spiel vor lauter Fernseheinrichtungen vorkommt. Den übrigen Teil des Tages können die Mädchen nur mit Mühe durch Studium von Schönheitstechnik und Verjüngungsmethoden ausfüllen. Die jungen Männer, mit denen sie flirten könnten, sind meist Wissenschaftler eines Spezialfaches, über das sich zu unterhalten ihnen unmöglich ist.“ Da ist er wieder gänzlich Kind seiner Zeit. -
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Kommentare
Zettel's Ingo Maurer Hallo,
ich habe Ihren Beitrag zur Zettel's-Lampe gefunden. Da ich sie gerne...
Christiane Thomaßen, vor 13 Jahren
endlich endlich setzt jemand ein
Zeichen gegen das ständige Aussterben schöner Wörter! Da bin ich...
federfee, vor 13 Jahren
Lassen Sie doch vielleicht mal
Ihr Assoziationsmodul überprüfen, das spielt ja geradezu verrückt. Das...
isabo, vor 13 Jahren
grosses Lob Liebe Isabo,
bin ueber Meike auf Dich gestossen und finde Deine Texte ganz...
LvO, vor 14 Jahren
Ha, wir haben auch nur
Fangen (hieß einfach "fanga") ohne so ein Hintertürchen gespielt....
Irene, vor 14 Jahren
Bin gerade erst über das
Interview gestolpert - für mich als Auch-Japanisch-Übersetzerin doppelt und...
frenja, vor 14 Jahren
Beide haben Fahnenmasten, der linke
und der rechte Nachbar. Und beide haben die Deutschlandfahnen...
croco, vor 14 Jahren
Ja. Ich habe aber erstens
Schimpfe bekommen für dieses wunderschöne, kühle, coole, elegante, heißgeliebte...
isabo, vor 14 Jahren
Gute Entscheidung. Trennung in beruflich
und privat ist unpraktisch (für alle Beteiligten) und wenig...
textundblog, vor 14 Jahren
ja ja ja!!! ES geht
es geht es geht!!! (aber halt ohne Editieren, wurscht!)...
g a g a, vor 14 Jahren
Ich GLAUBE, ich habe
das Captcha- Dings jetzt weggemacht. Kannst Du es nochmal veruschen?
isabo, vor 14 Jahren
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