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Freitag, 27. Februar 2009
Is a book

Tilman Rammstedt: Erledigungen vor der Feier.

Das Buch fängt so an:
Niemanden schien es zu interessieren, ob und wie und wann Dinge oder Menschen zusammentrafen. Die Jahreszeiten rutschten einem durch die Finger, und wenn man im Mai jemanden fragte, was er im Sommer vorhabe, hieß es: Wegfahren, wenn es geht, und sei’s nur an die Ostsee. Das war die allgemeine Situation. Genauer waren es L. und ich, die nicht zusammentrafen, oder wenn, dann nur örtlich und zeitlich, ohne damit viel anfangen zu können. Genauer war es natürlich auch L., die, von mir im Mai nach ihren Sommerplänen befragt, mit dieser kräfteraubenden Unverbindlichkeit antwortete, sodass es unmöglich war, irgendeine Position zu verlassen.

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich Tilman Rammstedt beim Machtclub habe lesen hören, damals aus „Wir bleiben in der Nähe“. Ich habe es gleich auf meinen Wunschzettel gesetzt, da stand es eine Weile, dann war Rammstedt in Klagenfurt, und Percanta erzählte, sie habe mit ihm studiert und ich solle lieber „Erledigungen vor der Feier“ lesen, das sei noch besser. Das habe ich jetzt also getan. Danke, Percanta! Das andere steht dann jetzt auch wieder auf dem Wunschzettel.
Denn: das ist sensationell. Dabei bin ich bekanntermaßen keine Kurzgeschichtenleserin, und es steht hier auch gar nicht drauf, dass es sich um Kurzgeschichten handelt, es steht auch nicht Erzählung oder Novelle oder Roman drauf, und ich weiß auch gar nicht, was davon es ist. Die Geschichten sind alle sehr kurz, aber die ersten paar und die letzten paar hängen zusammen; die in der Mitte auf den ersten Blick nicht, könnten aber doch denselben Ich-Erzähler meinen. Ist aber auch wurscht. Es sind großartige Geschichten, deren eigentlicher Inhalt gar nicht immer so großartig oder ungewöhnlich ist, die aber unglaublich gut erzählt sind. Der eigentliche Kern wird oft weggelassen, gar nicht direkt benannt, wie im Leben, da weiß man ja auch, worum es geht, ohne es dauend auszusprechen, und wenn man es aussprechen müsste, dann geht das manchmal nicht. Und deswegen kommt es einem besonders nah: weil es sich nicht aufdrängt.
Rammstedts Sprache hat den perfekten Rhythmus; keinen vordergründigen, sondern eine Art Strömung, vielleicht so was wie den Rhythmus eines Flusses. Nicht streng regelmäßig, aber unverkennbar da. Wundervolles Buch, leider nur 124 Seiten, viel zu schnell vorbei. Ich bin komplett begeistert und will mehr davon.

Rammstedt kommt ins Regal zwischen Rabelais und Ramondino.

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