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Mittwoch, 29. April 2009
Is a book

Stefan Merill Block (Marcus Ingendaay): Wie ich mich einmal in alles verliebte

Der Roman fängt so an:
Ich habe es niemals verstanden, diese Stille zu füllen. In den Monaten nach der großen Tragödie sprang ich jeden Morgen aus dem Bett, zog die kiloschweren, klobigen, korkbesohlten Stiefel an, lief in einer Art Paradeschritt von Zimmer zu Zimmer und stieß dabei alles um, was irgendwie erreichbar war. Die Stille bedeutet Abwesenheit, und Abwesenheit heißt Erinnern, deshalb schlug ich so viel Krach wie möglich.

Das ist der Anfang des Romans und des ersten Kapitels. Dieses erste Kapitel heißt: „Wie ich mich einmal in alles verliebte“, und das ist ein guter Titel für das erste Kapitel, aber nicht für den Roman. Der Roman heißt im Original „The story of forgetting“, was vielleicht nicht besonders einfallsreich oder klangvoll ist, aber genau sagt, worum es geht. Allerdings bezweifle ich in der Tat, dass ich ein Buch mit dem Titel „Die Geschichte des Vergessens“ gekauft hätte. Oder? Weiß nicht. Das Cover jedenfalls lässt in Zusammenhang mit diesem Titel so was wie eine Teenie-Liebesgeschichte vermuten, was es nun überhaupt nicht ist.
Abel, ein alter Mann, wartet darauf, dass seine Tochter nach Hause kommt. Sie verschwand viele Jahre zuvor, er bleibt im alten Farmhaus irgendwo in Texas, obwohl rundum Neubaugebiete entstehen, macht das Warten zum Lebensinhalt und verlottert dabei langsam ebenso wie das Haus.
Seth ist fünfzehn Jahre alt, als bei seiner Mutter eine Alzheimer-Frühform diagnostiziert wird. Er beschließt, Forscher zu werden und alles über diese spezielle Erkrankung und auch über die Vergangenheit seiner Mutter herauszufinden, die bislang im Dunkeln lag.
Und als drittes ist eine Art Märchen eingeflochten, die Geschichte des sagenhaften Landes Isidora, in dem es keine Erinnerung gibt.
Der englische Titel ist schon richtig, es ist eine Geschichte über das Vergessen und das Erinnern, aber auch eine über Angst und über die Liebe: die Liebe zwischen Mann und Frau (oder eben nicht), die zu den eigenen Kindern, den Eltern, den Geschwistern. Es ist die Geschichte eines mutierten Gens und eine Familienchronik. Spannend geschrieben, stellenweise sehr berührend, ich habe tatsächlich geweint. Leider kommt zweimal der sehr doofe Satz „seine Augen verengten sich zu zwei Schlitzen“ darin vor (das hat der Ingendaay bestimmt extra reingeschrieben, um mich zu ärgern). Egal, großartiges Buch. Lesen!
Stefan Merrill Block bekommt einen Regalplatz zwischen Herman Melville und Felix Mettler.

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