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Dienstag, 9. Juni 2009
Is a book

Denis Johnson (Bettina Abarbanell): Train Dreams

Bislang habe ich die Bücheranfänge abgetippt. Aber in diesem Fall ist der Anfang der Beschreibung von Robert Grainiers Leben so untypisch für ihn, dass ich lieber etwas aus der Mitte zitiere, Seite 53/54:

Drei der Welpen gingen ihrer Wege, sobald die kleine Hündin sie entwöhnt hatte, doch einer, ein tollpatschiger Rüde, blieb und wurde von seiner Mutter geduldet. Grainier war sicher, dass dieser Hund von einem Wolf gezeugt worden war, obwohl er nicht das leiseste Winseln von sich gab, wenn bei Abenddämmerung in der Ferne die Wolfsrudel sangen, manche weit weg in den Selkirk-Bergen in British Columbia. Diesem Tier musste man seine Natur wohl erst beibringen, dachte Grainier. Eines Abends hockte er sich neben den Hund und heulte. Der Welpe saß auf seinem Hinterteil und ließ einfältig ein kleines Stück rosa Zunge aus seiner geschlossenen Schnauze gucken. „Du kommst nicht nach deiner eigenen Natur, sonst würdest du nämlich heulen, wenn die anderen heulen“, erklärte er dem Bastard. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und und heulte lange und klagend über die Schlucht und den seichten ruhigen Fluss hinweg, dessen anderes Ufer er, so kurz vor Einbruch der Dunkelheit, kaum noch erkennen konnte. Kein Ton von dem Welpen. Doch fortan legte Grainier, wenn er die Wölfe in der Dämmerung hörte, häufig den Kopf in den Nacken und heulte, was das Zeug hielt, denn das tat ihm gut. Es spülte etwas Schweres aus seinem Herzen, das sich dort sonst festgesetzt hätte, und nach einem abendfüllenden Programm mit dem Chor seiner British-Columbia-Wölfe fühlte er sich gewärmt und beschwingt.

Robert Grainier, geboren 1886, hat allen Grund, sich den Kummer von der Seele zu heulen. Er ist ein einfacher Mann, ein Tagelöhner, der im Brückenbau und als Holzfäller arbeitet. Er hat seine Eltern nie gekannt, er trinkt nicht und besitzt keine Waffe. Er liebt eine Frau, heiratet sie, baut sich und seiner Familie in der Einsamkeit der Berge eine Hütte und verliert bei einem großen Feuer alles. Ein leises, kleines Buch, gut 100 Seiten, über ein weitgehend unspektakuläres, einsames Leben. Wunderbar erzählt und wunderbar übersetzt, sprachlich ebenso poetisch wie in seiner Bildergewalt, und gerade deshalb zu Herzen gehend, weil es eine so respektvolle Distanz bewahrt, statt in Gefühlen zu wühlen und auf die Tränendrüse zu drücken.
Grainier stirbt 1968, in dem Jahr, in dem ich geboren wurde. Aber er lebt in einer vollkommen anderen Welt.

Denis Johnsons Regalnachbarn sind Jerome K. Jerome und Uwe Johnson.

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