... is a blog
Sonntag, 6. September 2009
Is a book

Jetzt ist schon wieder was passiert. Und zwar habe ich beschlossen, nicht wie Haas über Haas zu schreiben, denn das ist irgendwie naheliegend und billig. Wie Haas schreiben tendenziell natürlich super, mache ich auch gerne mal in Mails oder so, da erkennt man dann an der Antwort gleich den Kenner, praktisch Wellenlängetest. Hier im Blog habe ich das auch schon gemacht, und wer nicht weiß, was denn nun das Spezielle an Wolf Haas’ Sprache ist, kann zum Beispiel das hier lesen, dann sollte es sich erklären.

Wolf Haas ist wahrscheinlich der Autor, von dem ich die meisten Bücher gelesen habe. Fast das Gesamtwerk, es fehlt nur ein Buch über Autorennen, das interessiert mich nicht so. Eigentlich bin ich auch keine Krimileserin, aber als ich den ersten Brenner-Krimi in den Fingern hatte, habe ich sofort die restlichen fünf Bände hinterhergekauft und sie gleichsam am Stück inhaliert. Zwischendrin dem Mann die besten Stellen vorgelesen, der neben mir lag und ebenfalls Haas las und wiederum mir die besten Stellen vorlas. (Auferstehung der Toten, Der Knochenmann, Komm, süßer Tod, Silentium!, Wie die Tiere, Das ewige Leben.)
Was diese Romane so besonders macht, ist zum einen durchaus die Sprache. Man meint, es wäre eine gesprochene Sprache, aber natürlich ist sie das nicht ganz, es ist durchkomponiert, und zwar auf eine Weise, die vordergründig vielleicht ein wenig lustig wirkt, aber eben auch echt ist, weil sie so etwas ganz Eigenes ist, und die erstaunlicherweise nie nervt. Sondern im Gegenteil ganz fürchterlich ansteckend ist. Eine Freundin sagt, man kann das nicht lesen, es ist nicht zu ertragen, man muss es vorgelesen bekommen, und zwar von Wolf Haas. Mit österreichischem Akzent. Ich war neulich auf seiner Lesung und fand: jawohl, es bekommt eine spezielle Qualität, wenn man diesen Stil im originären Österreichisch hört. Die Sprache wird noch ein bisschen selbstverständlicher, aber ob man sich gerade danach sehnt, oder sie sich lieber beim Selberlesen auf der eigenen Zunge zergehen lässt, mag Geschmackssache sein. Ich liebe es sehr, sie zu lesen, habe es mir aber auch gern vorlesen lassen.
Es ist aber nicht nur die Sprache. Es ist auch die Erzähltechnik, die bei Haas etwas Besonderes ist. Immer wieder schleicht er sich ganz langsam und harmlos von einer unerwarteten Ecke aus an, macht Schlenker, schwadroniert irgendetwas, was vermeintlich nur am Rande mit der Geschichte zu tun hat, und dann haut er einem plötzlich und überraschend eine runter. Und zwar so richtig. Das hängt unter anderem mit der sonderbaren Erzählerfigur zusammen, wir haben hier eine Erzählperspektive, die es eigentlich gar nicht geben kann. Ein allwissender Erzähler (oder wie auch immer das heißt, ich beherrsche die Terminologie nicht), der den Brenner auf Schritt und Tritt begleitet, der auch erzählt, was der Brenner gerade denkt, also eigentlich keine eigenständige Erzählerfigur sein kann – aber trotzdem immer wieder ein „ich finde ja“ oder ein „und jetzt pass auf“ einstreut, sodass da doch eine Person zu sein scheint. Irgendwo stellt sich mal heraus, dass es sich bei dieser Person um Brenners Untermieter oder den Untermieter seiner Eltern oder so handelt, ich hab’s vergessen. Die Geschichten selbst fand ich, ehrlich gesagt, meist ein bisschen wirr, es gab zu viele Verwicklungen und Wendungen für mein schlechtes Gedächtnis, ich hätte keinen einzigen der Romane hinterher nacherzählen können. Aber das war mir vollkommen total komplett wurschtegal, weil ich so dermaßen fasziniert und, jawohl: geradezu beglückt war davon, wie da jemand mit der Sprache umgeht, und wie er auf Erzählperspektiven und auf alles andere, was man so gelernt hat, scheißt. Sensationell. Sonst hätte ich sicher nicht sechs Krimis am Stück gelesen, ich habe wahrscheinlich überhaupt noch nie sechs Bücher von einem Autor gelesen, schon gar nicht hintereinander weg.
Jedenfalls. Nach sechs Bänden Brenner war Schluss. Und zwar wirklich Schluss, mit dem unfassbaren Kniff – den erzähle ich, weil er sowieso schon allenthalben ausgeplaudert ist –, * ach nee, doch nicht. (Gelöscht.) Sechs Bände sind ja auch genug, man soll aufhören, wenn es am schönsten ist.

Als nächstes kam „Das Wetter vor fünfzehn Jahren“. Ebenfalls sofort zum Lieblingsbuch geworden, Haas wendet auch hier wieder einen erstaunlichen Kniff an: der Roman kommt nicht als Roman daher, sondern als Interview einer „Literaturbeilage“ mit dem Autor Wolf Haas, der im Interview nach und nach den „Roman“ nacherzählt. Und das funktioniert. Hervorragend. Ich hatte befürchtet, Haas könne womöglich nur Brenner, aber er kann auch anders. Spätestens jetzt bin ich ihm endgültig erlegen, so was habe ich sonst nicht, dass ich so kritiklos alles großartig finde und ein echter Fan bin.
Also, wer Wolf Haas nicht gelesen hat: sofort das Gesamtwerk erwerben. Leider hat er mehrfach den Verlag gewechselt, sodass das mit dem Gesamtwerk optisch, also wirklich. Schön ist das nicht!

Aber interessant. Jetzt gibt es tatsächlich einen neuen Brennerkrimi. Was ja eigentlich nicht geht, weil *. Daher fängt dieser neue Brenner nicht, wie alle anderen (außer dem ersten), mit den Worten Jetzt ist schon wieder was passiert an, sondern der erste Satz lautet:

*

Soso. Das ist ja ein bisschen wie wenn nach zwei Jahren plötzlich der tote Bobby Ewing unter der Dusche steht, und Pam hat nur geträumt, er wär tot. Kann man natürlich machen. Als Leser akzeptiert man so was ja, und als Fan erst recht. Und das mit dem Fan ist auch so ein bisschen mein Problem, ich nenne es den Max-Goldt-Effekt. Da macht einer immer alles großartig, man wird zum Fan, liest alles, und irgendwann liest man das neue Buch und stellt fest: na klar, Max Goldt, oder eben Wolf Haas, natürlich ist das großartig, aber es ist eben nur so großartig wie immer, ich weiß ja, wie er schreibt. Es ist nichts wirklich Neues. Was jetzt auch wieder ein bisschen unfair ist, denn bei konventioneller schreibenden Autoren erwarte ich auch nicht bei jedem Roman, dass sie das Rad neu erfinden.
Der neue Brenner kommt mir ein bisschen weniger brutal und ein bisschen weniger wirr vor, insgesamt zahmer. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich ein bisschen weniger fasziniert von der Sprache war, weil ich sie jetzt eben schon kenne.

Und jetzt passt auf. Hat jemand den Link da oben angeklickt, auf meinen alten Blogeintrag im Wolf-Haas-Stil? Nein? Da schreibe ich, und zwar im Januar 2008, anderthalb Jahre vor Erscheinen dieses Buches:

Aber interessant. Da hat die Isabo manchmal diese luziden Momente gehabt, so zwischen Wachen und Schlafen, immer sehr kluge Gedanken und kreative Ideen und auch gleich fix und fertig formuliert. Aber wie sie dann richtig wach gewesen ist, ist immer gleich Schluss gewesen mit luzide und klug und kreativ, da hat sie lieber brummeln wollen und sich ungerecht behandelt fühlen und dabei hat sie genau gewusst, dass das wahrscheinlich auch ein bisschen an ihr selber liegt, quasi Psychologie.

Und Wolf Haas schreibt im aktuellen Brenner auf Seite 101/102:

Jetzt musst Du wissen, die besten Gedanken in seinem Leben sind dem Brenner noch immer im Halbschlaf gekommen. Das ist überhaupt ein großer Irrtum der Menschen, dass sie glauben, je wacher, je konzentrierter, je ausgeschlafener, umso besser für den Kopf. Weil genauso wie das zu helle Licht für die Augen schädlich ist, ist auch das zu wache Hirn gar nicht gut für die Gedanken. Und in Wahrheit ist ein Halbschlafender einem Wachen immer haushoch überlegen, gar keine Diskussion. Dem Wachen stehen ja beim Denken viel zu viele Gedanken im Weg herum […]

So. Dann wisst ihr jetzt auch, woher der Wolf Haas immer seine klugen Gedanken hat. Nicht aus dem Halbschlaf, sondern von mir.
Das hat die Isabo jetzt allerdings so ausgesprochen, als hätte sie eine verdorbene Buchstabensuppe gefrühstückt, in der nur Anführungszeichen drinnen waren, die ihr in diesem Moment hochgekommen sind. (S. 73)

PS: Was mich ja bei der Lesung sehr beeindruckt hat, war nicht nur die Hitze und nicht nur die lange Signierschlange, sondern vor allem, WAS die Leute sich da alles haben signieren lassen. Autogrammbücher! Ich dachte, sowas gibts nur bei Enid Blyton. Sie schleppen das Haas'sche Gesamtwerk zum Signieren an, sie schämen sich nicht, ihm sieben oder acht Bücher vor die Nase zu legen, sie haben Fotos dabei von Wolf Haas, DIN A4, Hochglanz, ganze Stapel, sie lassen sich jedes einzelne Bild signieren, was um alles in der Welt wollen die Leute damit? Die Wand tapezieren? Verkaufen? Aber will man denn ein Autogramm von jemandem kaufen, den man gar nicht selbst gesehen hat?
Ich könnte mir als neues Hobby vorstellen "seltsame Hobbys aufspüren".

Ach ja: Henrike war auch da.

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