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Donnerstag, 22. Oktober 2009
Helgoland

Irgendwo ins grüne Meer
hat ein Gott mit leichtem Pinsel
lächelnd, wie von ungefähr,
einen Fleck getupft: die Insel.

(James Krüss)

Es war schon wieder alles perfekt. Auf der Hinfahrt wechselhaftes Wetter, es schaukelte auch ein wenig, grau, Regen, blau, Sonne, grau, Regen, aber da hinten war es schon viel heller. Und auf der Insel war das Wetter dann okay, und wir wurden so freundlich empfangen, und die ganze Insel ist ja so klein, dass man, wenn man erst einmal dort war und zum zweiten Mal hinkommt, schon meint, man käme nach Hause. Wir sind aufs Oberland gegangen, einmal zwischen den Häusern durch, raus auf das Hochplateau, zur langen Anna und dem Lummenfelsen. Es hat ordentlich geweht, und es waren keine Vögel dort, keine Trottellummen und keine Basstölpel, ich dachte, sie sind dort immer, aber das stimmt nicht, sie leben draußen auf dem Meer und kommen nur zum Brüten und zur Aufzucht der Jungen an den Felsen. Ornithologen hingegen waren reichlich da, mit großen Stativen und langen Fernrohren, stundenlang sitzen sie still, bis ihr Walkie Talkie knackt und jemand durchsagt, wo der Blauschwanzirgendwas gerade ist. Der Blauschwanzirgendwas lebt normalerweise in Sibirien und ist irgendwie mit Stürmen und dem falschen Wind abgetrieben und auf Helgoland gelandet, ein einzelnes Tier. Seinetwegen sind alle hier, um ihn einmal zu sehen. Ich nehme an, er lacht sich kaputt, wenn er sie alle mit ihren Stativen ankommen sieht, und fliegt munter auf die andere Inselseite. Jedenfalls möchte ich das annehmen. In Wahrheit wird er irgendwann an Heimweh und Einsamkeit sterben, zurückfinden wird er nicht.
Abends gingen wir in die Sauna und etwas essen und einen Cocktail trinken und hatten nette Gesellschaft, und das Leben war gut.

Am nächsten Morgen schien die Sonne, es war strahlend blauer Himmel, Dünenwetter. Es war ordentlich Seegang, das Bötchen zur Düne schaukelte ziemlich, Gischt stob uns an. Meer, Sonne, Wind, Wellen, es braucht so wenig. Wir gingen einmal rund um die Düne, sahen Kegelrobben und Seehunde, aßen Hummersuppe im Dünenrestaurant, schauten in die Sonne und aufs Meer, und das Leben war gut.

Auf dem Friedhof der Namenlosen liegen die begraben, die tot auf Helgoland angespült wurden, Menschen, die niemand kennt, von denen niemand weiß, woher sie kommen, und von denen zu Hause niemand weiß, wohin es sie getrieben hat.

Ihr Namenlosen im weißen Sand,
den Nordseewogen umbranden,
wie kamt ihr hier an diesen Strand
aus welchen fernen Landen?

Ihr hattet Euch dem Meer vertraut,
zur Heimat kehret ihr nimmer.
Um Euch ist manches Haupt ergraut,
verschollen seid Ihr für immer.

Und floss auch keine Träne hier,
ertönte kein Trauergesang,
stehn doch in stummen Schauern wir,
bedrückt ist das Herz und bang.

Doch ruht ihr. Vielleicht wär herberes Los
Euch sonst noch auf Erden beschieden.
Vom Meer umtost in der Düne Schoß
ruht Ihr heimatlos, aber in Frieden.

Bei so einem Wind tränen mir immer die Augen.

Am Abend gab der Mann im Aquariumscafé ein kleines Konzert, hauptsächlich Lieder, die von der Seefahrt handeln, vom Walfang, vom Meer, von der Sehnsucht nach der Liebsten auf der anderen Seite des Meeres, vom Heimweh und vom Old Figurehead Carver.

While my hands are steady
While my eyes are good
I will carve the music
Of the wind into the wood.

(Hier von Alistair Brown)

Die Leute haben zugehört und sich gefreut, wir hatten nette Gesellschaft und gute Getränke („Helgoländer“: Grüner und durchsichtiger Schnaps, rote Grenadine, möglicherweise eines der widerlichsten Getränke aller Zeiten), und einer hatte Geburtstag und das Leben war gut.

Am nächsten Tag herrschte Windstärke acht, kurz ging das Gerücht, der Katamaran fahre nicht, wir hofften schon, wir müssten einen Tag länger bleiben. War aber leider Fehlalarm. Wir drehten eine Abschiedsrunde, kauften Schokolade und Bücher von James Krüss und besuchten kurz die Untergroßmutter. Die jetzige Untergroßmutter. Jedenfalls ist sie Großmutter und wohnt auf dem Unterland, ich weiß nicht, ob sie Untergroßmutter genannt werden möchte, die Schwester von James Krüss.
Wir haben keine Bunkerführung gemacht und keine naturkundliche Führung, wir waren nicht im Aquarium, nicht in der biologischen Anstalt, nicht auf der Wetterstation, wir waren nicht im Schwimmbad und nicht im Museum, die Trottellummen und Basstölpel waren nicht da, und wir haben den Blauschwanzirgendwas nicht gesehen. Wir müssen dringend bald wieder hin.
Auf der Rückfahrt war immer noch Windstärke acht, es gab in der ersten Stunde keinen Service an Bord, nur Tüten wurden verteilt, aber wir, wir hatten Gummibärchen und waren nicht seekrank und machten, wenn es schaukelte, leise Jippie.

(Mehr Fotos. Mehr Helgoland im Blog: eins, zwei)

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