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Dienstag, 24. November 2009
Is a book

Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

Der Roman beginnt so:
Wir, sage ich zu meiner Schwester, sind noch gut davongekommen. Meine Schwester sitzt vorne auf dem Beifahrersitz und schweigt. Nur ein winziges Neigen des Kopfes Richtung Fenster deutet an, dass sie verstanden hat. Sie ist an meine Eröffnungen gewöhnt und weiß, was gemeint ist.
Weg und fort und Ende, sage ich. Ein Vater, der ein Ende macht, bevor er die ganze Familie zermürbt, ist eher zu loben als zu verdammen.

Die Schwester auf dem Beifahrersitz, auf dem Fahrersitz der Fahrer Rumen Apostoloff, die Ich-Erzählerin auf der Rückbank. So reisen sie durch Bulgarien, das verhasste Land ihres verhassten Vaters. Die Schwester ist sanftmütig und freundlich, die Erzählerin wütend, rücksichtslos und bitterböse. Und das das ist wirklich großartig, wie sie vom Leder zieht und ihren ganzen Hass und ihre Wut auf Bulgarien, die Bulgaren und ihren Vater herausrotzt. Der Anlass der Reise ist ein ungewöhnlicher, und so erfahren wir im Rückblick die Geschichte der 29 Bulgaren, die in den 40er Jahren nach Stuttgart gezogen sind und dort deutsche Frauen geheiratet haben.
Sibylle Lewitscharoff ist ungeheuer sprachgewaltig, hat ein enorm breites Vokabular, ist kreativ in der Erfindung neuer Wörter und hat den Rhythmus raus. Aber ich fand, sie hätte noch mehr auf die Kacke hauen können, auch konkreter werden, mir bleibt zu vieles im Ungefähren. Was ja nichts Schlechtes sein muss, aber. Und, ganz komischer Effekt: ich weiß gar nichts über Sibylle Lewitscharoff und habe mich die ganze Zeit gefragt, wie viel davon ihre eigene Geschichte ist. Das passiert mir sonst beim Lesen nicht, ich stelle mir diese Frage gar nicht, und es hat mich geärgert, weil ich eigentlich denke, das tut nichts zur Sache. Aber irgendwie tat es doch was zur Sache.
Ich wollte gar nicht, dass das so negativ klingt, denn das ist ein saugutes Buch. Aber eben mit einer kleinen Einschränkung, die ich nicht recht zu packen kriege.
Gelesen habe ich es übrigens, weil ich Sibylle Lewitscharoff mal auf einer Podiumsveranstaltung gesehen habe, wo sie sehr kluge Sachen sagte. Im Publikum, erste Reihe, saß als Ehrengast Umberto Eco, als Publikum zwar, aber mit Rederecht, und davon machte er reichlich Gebrauch. Nun ist es keineswegs so, dass alles, was aus dem Munde dieses großen Mannes perlt, so brillant wäre, wie er selbst das offenbar glaubt. Anders gesagt: er hat eine Menge Unfug geredet. Es ging irgendwie um Außerirdische. Im Ernst. Alle hörten artig zu und versuchten, darauf einzugehen, nur Sibylle Lewitscharoff sagte irgendwann: „Entschuldigung, Herr Eco, das ist doch jetzt wirklich kindisch, können wir vielleicht wieder ernst werden“ und machte mit dem weiter, worum es eigentlich ging. Eco war selbstverständlich todernst gewesen. Ich hätt sie knutschen können.
Sibylle Lewitscharoff kommt im Regal zwischen Charles Lewinsky und Peter Licht.

EDIT: Ha, gerade aktuell: Sibylle Lewitscharoff erhält den Berliner Literaturpreis 2010 der Stiftung Preußische Seehandlung für ihr "ungemein dichtes und originelles Prosawerk, das sich in seinem eigentümlichen Amalgam aus Humor und Tiefsinn gegen alle Zuordnungen sperrt". Freut mich, herzlichen Glückwunsch!

Schönes Buch. Darf ich Ihnen noch einmal eine Rezension ans Herz legen? Unser Literaturgeschmack deckt sich immer wieder. www.kulturnews.de

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Aber immer gerne. Die Büchereinträge leiden hier ja nicht gerade an Kommentarflut, und ich freu mich immer über Zustimmung und Widerspruch.

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Last modified: 09.12.13 22:30
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Kommentare
Anderthalbfache Unterstützung!
Christl Klein, vor 4 Jahren
Hm, Tempers Kommentar ist ja
schon von 2008 - ich schätze eher nicht, dass...
isabo, vor 5 Jahren
Zettel's Ingo Maurer Hallo,
ich habe Ihren Beitrag zur Zettel's-Lampe gefunden. Da ich sie gerne...
Christiane Thomaßen, vor 5 Jahren
das ist ein hobby
von mir. antizyklisches kommentieren ;)
fabe, vor 5 Jahren
Das hier ist ja
schon eine Weile her. Hihi.
isabo, vor 5 Jahren
hier war ja neulich
stromausfall. menschen sind merkwürdig.
fabe, vor 5 Jahren
endlich endlich setzt jemand ein
Zeichen gegen das ständige Aussterben schöner Wörter! Da bin ich...
federfee, vor 5 Jahren
Lassen Sie doch vielleicht mal
Ihr Assoziationsmodul überprüfen, das spielt ja geradezu verrückt. Das...
isabo, vor 5 Jahren
Oh, vielen Dank!
isabo, vor 5 Jahren
grosses Lob Liebe Isabo,
bin ueber Meike auf Dich gestossen und finde Deine Texte ganz...
LvO, vor 5 Jahren
Der Verein lebe hoch, anderthalb
mal hoch Bin dabei.
Jolen, vor 6 Jahren
Da spricht mir wer aus
der Seele. Ich gebe mir auch schon seit Jahren...
Cuguron, vor 6 Jahren
Ha, wir haben auch nur
Fangen (hieß einfach "fanga") ohne so ein Hintertürchen gespielt....
Irene, vor 6 Jahren
Meiner hat mir nur von
dem Smiley auf seiner Krone erzählt. Und ob ich...
strandfynd, vor 6 Jahren
Bin gerade erst über das
Interview gestolpert - für mich als Auch-Japanisch-Übersetzerin doppelt und...
frenja, vor 6 Jahren
Beide haben Fahnenmasten, der linke
und der rechte Nachbar. Und beide haben die Deutschlandfahnen...
croco, vor 6 Jahren
das hier geht woanders
nicht besser, aber versuch macht kluch...
don papp, vor 6 Jahren
Ja. Ich habe aber erstens
Schimpfe bekommen für dieses wunderschöne, kühle, coole, elegante, heißgeliebte...
isabo, vor 6 Jahren
Sie wissen aber schon,
dass das hier schöner ausschaut?
leavesleft, vor 6 Jahren
Gute Entscheidung. Trennung in beruflich
und privat ist unpraktisch (für alle Beteiligten) und wenig...
textundblog, vor 6 Jahren
Jo. Dann.
isabo, vor 6 Jahren
Möchten Sie es wissen?
kinomu, vor 6 Jahren
alles gute und auf nach
drüben!
skizzenblog, vor 6 Jahren
ja ja ja!!! ES geht
es geht es geht!!! (aber halt ohne Editieren, wurscht!)...
g a g a, vor 6 Jahren
Ich GLAUBE, ich habe
das Captcha- Dings jetzt weggemacht. Kannst Du es nochmal veruschen?
isabo, vor 6 Jahren

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