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Samstag, 28. November 2009
Is a book

Hermann Bräuer: Haarweg zur Hölle

Der Roman beginnt so:
Der Samen, der mich zeugte, war Feuer; der Leib, der mich empfing, war der Wind.
Zugegeben, einer genaueren Untersuchung würde diese Behauptung nicht lange standhalten, aber sie ist einfach schöner als die Wahrheit: „Hallo, ich bin der Holzinger Andi, das einzige Kind eines mittleren Beamten und einer Zahntechnikerin aus der Münchner Maxvorstadt.“ Wie das schon klingt!
Jedenfalls definitiv nicht wie ein Satz, auf dem sich eine Glaubenrichtung aufbauen lässt. Doch genau das war Hair-Metal für mich. Weit mehr als nur Musik, denn da gab es ja nur Musiker. Ich dagegen hatte Götter.

Der Holzinger Andi ist ein bisschen anders als die anderen Kinder. Er trägt glitzernde Spandexhosen und die Haare arschlang, als alle anderen Karottenhosen tragen und an Genickbruch sterben. Glücklicherweise ist er nicht der einzige Schüler, der Hair Metal hört und das Schminken erst noch üben muss, und so finden sich in München irgendwann in den Achtzigern vier Mann zusammen und, genau: gründen eine Band. Die erste Band heißt Llord Nakcor, das ist Rock and Roll in rückwärts und läuft nicht ganz so gut, aber später wird hart gerockt. Und nicht nur auf der Bühne. Auch sonst ist alles dabei, Sex, Drogen, Feuerwerk.
Ich hatte ein bisschen Angst vor diesem Buch, ich habe immer Angst vor Büchern von Leuten, die ich kenne, und erst recht, wenn ich weiß, dass sie hier mitlesen. Weil: was, wenn ich’s scheiße finde? Hermann Bräuer ist der Mann, der vor Urzeiten einmal Charlotte Roche als „die achselbehaarte, große, alte Dame der teenietümelnden Vollchecker-Verschmitztness“ bezeichnete, was zweifelsohne sehr lustig und treffend ist, aber ich dachte, 250 Seiten solche Pointendrescherei werden nicht auszuhalten sein. Ist aber gar nicht so. Das ist ein sehr angenehm und flüssig erzählter Roman mit wirklich guten Lachern drin, keine große Literatur, eher was Leichtes für zwischendurch und wunderbar selbstironisch. Liest sich so gut weg, dass ich es heute Nacht bis weißgarnichtwann noch zu Ende lesen musste. Außerdem habe ich mich mit Hilfe von YouTube musikalisch ein bisschen weitergebildet.
Rockt. Hart.
Im Regal kommt Hermann Bräuer zwischen Ray Bradbury und Volker Braun. Und ich höre jetzt ein bisschen Lipstikk Blitzkrieg und Ez Livin'.

(rron bei Twitter)

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Last modified: 09.12.13 22:30
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