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Mittwoch, 30. Juni 2010
Helgoland. Eine kleine Abhandlung.

Scheiß doch auf die Seemannsromantik!
Ein Tritt dem Trottel, der das erfunden hat.
Niemand ist gern allein mitten im Atlantik.

(Element of Crime)

Mitten in der Nordsee, auf Helgoland nämlich, ist auch niemand gern allein. Helgoland hatte im Laufe seiner Geschichte immer ungefähr 2500 Einwohner. Im Krieg wurde die Insel zerstört, so richtig, kein Stein blieb auf dem anderen, kein Bewohner auf der Insel. Die Engländer versuchten nach dem Krieg erst, die ganze Insel zu sprengen, was nicht gelang (zum Glück – war ja auch eine saublöde Idee), dann diente sie ihnen als Übungsgelände für Bombenabwürfe.
Anfang der 50er Jahre wurde Helgoland dann wieder deutsch und bewohnbar gemacht. Wer es genauer nachlesen will, kann das hier tun, das ist wirklich sehr spannend. Beim Wiederaufbau wurde Wohnraum für ungefähr 2500 Personen geschaffen – eine Person benötigte damals im Bundesdurchschnitt ungefähr 20 qm Wohnraum, ein Feriengast 12 qm. Dieser Wiederaufbau war unglaublich durchdacht. Die Häuser mussten klein sein, weil die Insel klein ist. Man hat nur sehr schmale Gassen angelegt und die Häuser nicht schachbrettartig angeordnet, sondern sie gegeneinander versetzt – zum einen, damit der Wind nicht so durch die Gassen pfeift, sondern immer wieder gebrochen wird, und zum anderen, damit möglichst viele Häuser möglichst viel Sonne und Seeblick haben; man hat ausgerechnet, welchen Winkel die Dachschrägen haben müssen, um den Sonneneinfall optimal zu nutzen, und es tatsächlich geschafft, dass auch Häuser in der vierten oder fünften Reihe noch das Meer sehen können. Und natürlich waren diese Häuser auf dem neusten Stand der Technik und designerisch auf der Höhe der Zeit, mit einer vom Hamburger Künstler Johannes Ufer entworfenen Farbpalette.
Für heute bedeutet das verschiedenes. Erstens steht ein Großteil des Ortes inzwischen unter Denkmalschutz, denn es ist das größte zusammenhängende 50er-Jahre-Ensemble Deutschlands. Was natürlich das ein oder andere Problem mit sich bringt. Zweitens findet ein Teil der Feriengäste das heute scheußlich. Nebenan bei Herrn Buddenbohm schrieb Britta, Helgoland sei „hässlich, aber zauberhaft“. Diese Meinung teile ich zwar nicht, mir gefällt das nämlich, aber ich kann sie irgendwie nachvollziehen. Die Architektur ist sicher nicht jedermanns Geschmack – aber sie ist in sich total überzeugend, und je öfter ich sie sehe, desto besser gefällt sie mir. Eigentlich kann man auch nicht viel dagegen haben; die Farbpalette ist eine ganz klassische, hauptsächlich Primärfarben, rot, blau, gelb, auch orange, grün, die Häuser ansonsten sehr schlicht und gerade, kein Schnickschnack. Es ist halt nur alles sehr eng und klein.

Als geschlossenes Ensemble in diesem Stil ist es einzigartig, jemand nannte es die „Blaue Mauritius der jungen bundesrepublikanischen Architektur“. Jemand anders, nämlich ein Mitreisender bei der letzten Reise, konnte gar nicht mehr aufhören zu betonen, wie scheußlich er das alles finde. Das betraf allerdings nicht nur die Architektur, sondern auch die Spießigkeit, die Gardinen in den Fenstern und die Kunstblumen und die „Zimmer frei“-Schilder, über die er sich gar nicht mehr beruhigen wollte. Ganz fürchterlich sei das doch!
Nun ja. Weltläufigkeit, Coolness und Mondänität wurden noch nie in Tausend-Seelen-Dörfern geboren.
Und da sind wir beim nächsten Problem: Helgoland hat längst keine 2500 Einwohner mehr. Vor allem die Jungen ziehen weg, und zwar spätestens dann, wenn das erste Kind 12 Jahre alt wird. Dann kommt es auf die weiterführende Schule, und auf Helgoland ist Schluss. Es gibt zwar die James-Krüss-Schule, im Prinzip so etwas wie die „Volksschule“ unserer Eltern, aber wer seine Kinder aufs Gymnasium schicken will, hat nur zwei Möglichkeiten: Internat, oder die ganze Familie zieht aufs Festland. Internat ist heute nicht mehr so beliebt; früher besuchten die Kinder bis zur zehnten Klasse die Inselschule und gingen ggf. erst zur Oberstufe aufs Internat.
Hinzu kommt, dass die Bebauung für 2500 Personen mit einem Platzbedarf von je 20 qm ausgelegt wurde; das reicht heute den wenigsten Leuten. Und so hat Helgoland jetzt offiziell um die 1300 Einwohner, von denen aber nur ungefähr 800 wirklich das ganze Jahr über dort leben. Der Rest hat noch eine Wohnung in Hamburg oder Cuxhaven oder sonstwo und kommt nur zwischendurch auf die Insel. Bauen ist quasi unmöglich, man kann im Prinzip nur ein Haus kaufen, wenn jemand stirbt.
Je mehr Leute wegziehen, desto weniger Chance auf eine genügend große Schule (und auf ein kulturelles Leben, auf Geschäfte etc.) besteht, und desto mehr Leute ziehen ebenfalls weg, vor allem junge. Teufelskreis. Helgoland hat in dieser Situation zwei Möglichkeiten: entweder man lässt alles, wie es ist, dann wird die Insel noch mehr zu einer Art Freilichtmuseum, in dem noch ein paar alte Leute leben, der Rest macht ein Saisongeschäft mit dem Tourismus und wohnt ansonsten auf dem Festland. Wenn man Helgoland allerdings als lebendige Inselgemeinde erhalten möchte, muss eine Lösung her. Beziehungsweise, dann müssen ungefähr 1000 zusätzliche Einwohner her, und die brauchen Platz.
Im Moment scheint es vor allem zwei Pläne zu geben: eine Aufschüttung zwischen Hauptinsel und Düne oder eine Bebauung des Mittellands. Zur Erklärung: Helgoland besteht aus zwei Inseln, der bewohnten Hauptinsel und der vorgelagerten, kleinen, unbewohnten „Düne“. Dazwischen ist, was zwischen Inseln immer ist, nämlich Wasser. Man könnte das aber aufschütten und reichlich Land gewinnen. Diese Idee ist letzten Pressemeldungen zufolge zwar erstmal abgelehnt, aber das heißt nicht, dass nicht doch weiter darüber nachgedacht würde, es gibt da auch verschiedene Möglichkeiten, wie viel Fläche nun genau aufgeschüttet werden könnte, und wo. Eine solche Aufschüttung wäre zunächst mal eine Landgewinnung, einen konkreten Bebauungsplan gibt es dafür anscheinend noch nicht.
Einen Entwurf hingegen gibt es für eine Bebauung des Mittellandes, einen wirklich kühnen Entwurf. Das Mittelland ist der mittelhohe Teil links auf diesem mittelmäßigen Bild.

Der Entwurf sieht vor, das Mittelland mit einem einzigen großen Wohn- und Geschäftskomplex zu bebauen, der fast so hoch werden soll wie das Oberland. Dieser Komplex soll sich an der Küste entlangziehen bis zur Südspitze und auf der anderen Seite wieder zurück, etwa bumerangförmig. In der Mitte soll ein großer Park entstehen, die Außenmauern sollen dasselbe Rot erhalten wie der rote Felsen Helgolands, sodass die Bebauung sich in die natürlichen Gegebenheiten einfügt.

Das sind alles Ideen, Entwürfe, Visionen. Nichts Konkretes, es wird nicht ab übermorgen gebaut. (Ach so, doch, ein neues Dünenrestaurant, aber das ist noch ein anderes Thema.) Mein Kopf sieht das alles ein: dass mehr Leute auf die Insel müssen, die mehr Platz brauchen, und dass dafür etwas Großes passieren muss. Aber emotional ist mir das alles zu groß. Ich finde es schön, mit einem kleinen Boot auf die Düne überzusetzen und wieder zurück. Ich finde es schön, dass doch vergleichsweise große Teile der Insel unbebaut sind. Beide Projekte würden das Gesicht Helgolands enorm verändern. Ich will das nicht, ich mag das nicht, meinetwegen soll Helgoland so puppenstubig bleiben, wie es ist. Aber ich selbst würde auch nicht in einer Puppenstube leben wollen, ich würde nicht auf 20 Quadratmetern auf einer 1000-Seelen-Insel leben wollen. Aber.
Gut, dass ich nichts zu sagen habe. Ich kann mich dann – egal, was passiert – hinterher aufregen und alles ganz fürchterlich finden. Und in zwanzig oder vierzig Jahren vielleicht die kühnen Visionäre bewundern, die so große Projekte erst möglich machen und auf den Weg bringen, und die vielleicht immer etwas zu große Entwürfe vorlegen müssen, damit dann ein etwas kleinerer umgesetzt wird.

Ein Schritt nur, vor uns ist die See, dahinter liegt New York.

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