... is a blog
Sonntag, 22. August 2010
Is a book

Katrin Seddig: Runterkommen

Ja, ja, ja! Leute, es gibt da draußen so viele so tolle Bücher, es ist die wahre Pracht, lest! Lest tolle Bücher, zum Beispiel dieses hier. Es fängt so an:

Als er in seinem schwarzen Mercedes-Benz um die Ecke summt, kneift sie die Augen zusammen und umarmt den sonnenwarmen Stamm.
Mein Freund, der Baum.
Sie pult ein paar Stücke aus der weichen, moosigen Rinde und tritt vor Aufregung mit der Fußspitze gegen das Holz. Von vorn das Ploffen der Wagentür, das Knacken der Verriegelung, sie kennt sein Auto, auf dem Nummernschild seine Initialen und ein Aufkleber: Ich bremse auch für Rentner. Er streckt sich, Arme Richtung Himmel, eine unglaubliche Bläue heute, wie glühendes Metall, Flecken unter den Achseln, sein Ehering blitzt – Ehe, da war doch was – und macht dabei ein Geräusch wie ein Tier aus einem Zeichentrickfilm.

Dani steht hinter einem Baum am Waldrand und beobachtet Erik. Erik ist ein gutsituierter Anwalt mit Einfamilienhaus im Grünen, Frau und zwei Kindern. Dani ist Putzfrau und hat ein Problem. Erik hat auch Probleme, seine Frau ebenfalls, in weiteren Rollen: Tom, Karin, Doreen, Zusanna, Thomasz, Johannes und so weiter: alle haben ihre Probleme, manche eine handfeste Macke, alle wären gern ein bisschen glücklich und sind ein bisschen kaputt. Alle wollen Sex, manche haben reichlich davon, andere nicht. Die meisten trinken, manche mehr, andere weniger.
Irgendwann entdeckt Erik Dani auf ihrem Beobachtungsposten am Waldrand. Er findet es erregend, beobachtet zu werden, eine Weile lang spielen die beiden eine Art Spiel. Bis das nicht mehr gut geht und die anderen alle auf die ein oder andere Weise mit hineingezogen werden. Jeder liebt jemanden, oder auch nicht, schläft aber mit jemand anderem, oder auch nicht, deswegen passiert alles mögliche, und am Ende geht es keinem wirklich besser. Oder vielleicht dem ein oder anderen ein kleines bisschen besser, anderen ein bisschen schlechter. Oder eben auch nicht, man weiß es nicht. Wie im Leben. Und das alles wird in einer Sprache geschildert, die schnoddrig ist und schonungslos und echt und so ehrlich, dass es manchmal weh- und immer guttut, so ohne jeden Kunstwillen, und das muss man auch erstmal können, dass es so wirkt wie einfach so dahingeschrieben, weil es nun mal so ist. Und die Dialoge.

Ich habe Katrin Seddig mal im Literaturhaus lesen hören, bei der Verleihung der Förderpreise vielleicht? Ich weiß es nicht mehr, jedenfalls fand ich sie da so gut, dass wir sie zu Kaffee.Satz.Lesen eingeladen haben, da war sie schon wieder so gut, und seitdem habe ich mich auf dieses Buch gefreut. Sehr zu recht.
Ach, toll. Dummerweise habe ich immer, wenn ich ein so tolles Buch ausgelesen habe, Angst, dass das nächste weniger gut wird. Schaumermal.

Katrin Seddig kommt im Regal zwischen David Sedaris und Anna Seghers.

Flattr this

Online for 5552 days
Last modified: 09.12.13 22:30
Status
Sie sind nicht angemeldet
Main Menu
Suche
Calendar
August 2017
MoDiMiDoFrSaSo
123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031
September
Kommentare

RSS feed

Made with Antville
Helma Object Publisher