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Fit und Well (13): Schwarzlichtviertel

Mit Schwarzlicht beleuchtetes Indoor-Minigolf ist eine so bescheuerte Idee, dass ich da selbstverständlich hinmusste. Zumal sowieso das alljährliche Blogger-Minigolfen um den begehrten Wanderpokal anstand. Der Pokal ist etwas ganz Besonderes und zu Recht begehrt, wir sagen aber nicht, worum es sich handelt, denn sonst wollt Ihr demnächst alle mit, und das geht ja nicht. Ohnehin ist dieser Pokal eine Sache, die gewöhnlich zwischen dem lustigen Mann und Kid37 ausgefochten wird, und letzterer hat diesmal unter fadenscheinigen Vorwänden geschwänzt. Womit der diesjährige Sieger auch schon gleich ausgeplaudert wäre.

Wir waren zu fünft und pünktlich. Pünktlich ist wichtig, man muss sich nämlich vorher anmelden und bekommt einen Termin mit genauer Uhrzeit, und die Uhrzeit ist nicht etwa eine lose Anregung wie „viertel nach zwei“, nein, die Uhrzeit, zu der wir unseren Minigolftermin hatten, lautete 14:18 Uhr. Ja, das meinen die ernst.
Um haargenau achtzehn Minuten nach zwei betreten wir also einen winzigen Raum, der innen aussieht wie ein U-Boot. Beziehungsweise wie ein ziemlich kleines Kind sich ein U-Boot vorstellt. Und der schwankt und wackelt, und in dem uns ein alberner „Kapitän“ auf einem Bildschirm die Minigolfregeln erklärt. Joho, und ne Buddel Rum. Manche von uns amüsieren sich, andere kriegen schlechte Laune.
Das U-Boot befördert uns in die erste von drei „Erlebniswelten“. Ich weiß nicht, ob die so heißen, das habe ich mir gerade ausgedacht, solche Sachen heißen ja immer so. Die erste Erlebniswelt ist eine Unterwasserwelt. Alles mit Schwarzlicht beleuchtet und in grellen Neonfarben bemalt. Wilde Unterwasserfantasien mit Haien und Kraken und Schiffswracks und Neptun und Nessie. Die schlechte Laune ist sofort weg, denn das ist wirklich großartig bescheuert. Alles so schön bunt hier! Und ich trage eine Art Tarnkleid, gute Wahl.

Alsdann tritt man durch eine Art Stargate über einen kleinen Strand (eine Bahn, der Ball muss in eine Schatzkiste) in den Dschungel. Grellbunte Papageien, Spinnen, Dinosaurier, Vulkane. Was im Dschungel halt so ist. Übrigens liege ich mit noch jemandem zusammen in Führung. Aber Dinge ändern sich, und Minigolf ist Minigolf. Wobei die Bahnen hier teilweise wirklich speziell sind.

Es geht aus dem Dschungel in den Tunnel, eine runde Röhre, die man auf einer leicht geneigten Brücke durchquert, und an den Wänden bewegen sich bunte Längsstreifen im Kreis um einen herum. Wenn man auf der Brücke stehenbleibt, bekommt man schnell das Gefühl, dass die Streifen sich nicht bewegen, sondern stillstehen, während man selbst sich unablässig dreht. Sehr sonderbar, und es dauert danach eine Weile, bis ich das leichte Schwindelgefühl wieder los bin. Wir betreten als letztes eine Fabrik oder so was, in der die Designer dann vollends kindisch geworden sind. Das ist aber nicht der Grund, warum ich in rasanter Geschwindigkeit plötzlich hinten liege und schließlich spektakulär verliere, denn ich habe ja gar nichts gegen solche Kindereien. Der Grund ist eher, dass ich einfach nicht mit Bällen umgeh der Schwindeltunnel. Danach kann man ja gar nicht mehr geradeaus schlagen, und die anderen sind da viel schneller durchgegangen als ich, denen war nicht schwindelig. Dochdoch, so war’s.

Und während wir drinnen im Schwarzlicht kleine Neonbälle in Löcher schubsten, war draußen herrliches Wetter. Dort vor der Tür haben wir dann noch anderthalb Stunden mit selbstgebackenem Möhrenkuchen in der Sonne gesessen, auf einer Treppe zwischen Subway, einem Fitnessstudio, Deichmann und Rewe. Das war sehr gemütlich und nett, da an der großen Straße, mit dem Kuchen.

(Fotos: von oben nach unten durchnummeriert, stammt Bild 4 von Lady Grey, Bilder 8-10 von AxelK. Der Rest ist von mir.)

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Fit und Well (12): Jetzt schreckt sie vor nichts mehr zurück

Ich war auf der Lebensfreudemesse und bin stundenlang auf Siebenmeilenstiefeln durch Hamburg gestakst. Was soll mich noch erschrecken? Welche crazy Funsportart kann da noch kommen? Gibt es etwas, das noch extremer ist? Meine Leser wollen doch immer mehr, immer Krasseres, immer Verrückteres!
Man hat mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ausschlagen konnte. Etwas, das auf eine ganze spezielle Weise etwas ganz Spezielles werden würde, das war mir klar. Ich hatte grauenhafte Geschichten gehört, wirklich schrecklich. Aber ich wollte es tun, aus Liebe, und um mich in eine Extremsituation zu begeben. Der Nervenkitzel, Sie wissen schon.
Und so war ich heute morgen – Regie! Kann ich bitte einen Ton haben? Eine adäquate Spannungsuntermalung, so einen sehr tiefen Bass, rhythmisch, vielleicht so ähnlich wie Herzschlag? Padum-padum-padum, so was? Vielleicht langsam beschleunigend? Danke!
Also, heute morgen – padum – padum – padum – war ich – padum-padum-padum – beim – padumpadumpadum – tief Luft holen – Babyschwimmen. Es gibt diese Sportart für verschiedene Altersgruppen, ich habe die Gruppe „ungefähr ein halbes Jahr“ ausprobiert. Wer kein eigenes Sportgerät besitzt, muss sich eines ausleihen, das der jeweiligen Altersgruppe entspricht, es dürfte ja nicht weiter schwierig sein, so eines zu finden. Das Gerät, das ich mir ausgeliehen habe, heißt Johann, ist sieben Monate alt und sehr aktiv. Er kann schon krabbeln und versucht das auch im Wasser. Pausenlos. Man muss ihn die ganze Zeit mit zwei Händen festhalten, sonst geht er unter.
Es sind sieben Mütter mit Kindern da – also, sechs Mütter, eine Patentante, die dazugehörige Mutter läuft voll angezogen ums Becken herum und macht Fotos. Wir stellen uns im Kreis auf und singen ein klitzekleines Lied, das ungefähr zehn Sekunden dauert: Ha-ha-ha, wir sind heut alle da. Oder so ähnlich. Dann stellen wir uns alle vor, alle Mütter und Patentanten sagen, wie sie heißen und wie ihre Sportgeräte heißen. Um dann – wie lange eigentlich? Eine halbe oder Dreiviertelstunde, schätze ich, mit dem jeweiligen Kind herumzuplantschen. Es liegen drei unterschiedlich feste Matten im Wasser, auf die man die Kinder legen kann, meins fängt auf jeder Matte sofort an voranzurobben und rutscht dann natürlich, platsch, mit dem Kopf zuerst ins Wasser. Ein paar Mal taucht er kurz unter, das scheint ihm aber nichts auszumachen. Ich fische ihn wieder raus, er strahlt, hustet, und gelegentlich bäuert er einen Schwall Chlor wieder hoch. Die Kursleiterin kommt zu mir und sagt, dass ich diesen einen Handgriff schon ganz toll mache, äh – welchen Handgriff? Sie zeigt mir noch mal, was ich gemacht habe, und dass das richtig war, und ich überlege kurz, ob man das Kind auch irgendwie anders und falscher hätte anfassen können, nun ja. Überhaupt ist mir nicht ganz klar, was jetzt hier der „Kurs“ ist. Die drei Matten, die da rumschwimmen? Dass man sich vorher vorstellt? Dass man am Anfang und am Ende ein Liedchen singt? Mir kommt es vor, als könne man die ganze Sache ebenso gut allein mit dem Kind im Schwimmbad machen. Aber ich versteh ja auch nichts davon. Wohl verstehe ich etwas vom Terminehaben, ich tu ja auch nix, wenn ich keinen Termin habe, in sofern hat so ein Babyschwimmkurs sicher seinen Sinn. Aber insgesamt bin ich doch enttäuscht. Ich hatte mir etwas Spektakuläreres vorgestellt, ich wollte peinliche Lieder singen, peinliche Spielchen spielen und mich überhaupt gehörig zum Obst machen. Hat nicht geklappt.
Das quietschvergnügte Kind jedenfalls würde ich jederzeit wieder mit ins Wasser nehmen, es hatte Spaß, und ich auch, es hat gelacht und in Plastikfische und ins Wasser gebissen und wollte am liebsten ganz allein schwimmen, es war sehr beschäftigt und hat richtig gearbeitet. Und hinterher waren wir beide erschöpft und glücklich und hatten Hunger.

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Fit und well (11): Siebenmeilenstiefel

Samstag
Ich gehe in den Laden, um die Siebenmeilenstiefel erstmal auszuprobieren. Der nette Herr dort zieht sie mir an und nimmt mich an die Hand, und es gibt eine Stange, wie beim Ballett, an der man sich festhalten und die ersten Schritte versuchen kann. Dann geht es schon mit nur einer Hand und dann ohne, man kriegt die Bewegung schnell raus. Und wer gehen kann, kann auch ein bisschen laufen, und hüpfen, jippie! Das macht Spaß! Jetzt hinfallen, sagt der freundliche Herr. Wie, hinfallen, sage ich. Nach unten, sagt er, nicht irgendwohin, keine Judorolle oder so was, nur runter, fallenlassen, auf die Knie, schön langsam. Die Siebenmeilenstiefel sind gut 40 cm hoch. Ich bin 1,81. Mein Kopf befindet sich in mehr als 2,20 m Höhe, und ich soll mich fallenlassen. „Nach unten“. Is klar.
Luftholen.
Ich trage Knieschoner, direkt unter den Knieschonern ist ein gepolsterter Metallbügel, was soll schon passieren? Ich lasse mich fallen, auf die Knie, Hände, Bauch, ich liege platsch! bäuchlings in voller Länge im Laden. Aua. Aber okay. Ging eigentlich.
Dann übe ich beidbeiniges Hüpfen. Dafür muss man erstaunlicherweise die Knie durchgestreckt lassen, die Federung kommt aus den Schuhen, nicht aus den Knien, es dauert einen Moment, bis ich die Bewegung raushabe, aber dann geht auch das. Und noch einmal hinfallen, bitte. Diesmal kriege ich dabei einen etwas übleren Stoß in den Rücken, aua.
Ich hüpfe noch ein bisschen im Laden herum, am liebsten würde ich die Dinger gleich anbehalten.

Sonntag
Schon als ich auf den Laden zugehe, sehe ich vor mir ein paar junge Leute mit geschulterten Siebenmeilenstiefeln. Insgesamt ist die Gruppe am Ende ungefähr dreißig Leute stark, darunter Profis und absolute Anfänger (noch anfängeriger als ich, also solche, die noch nicht im Laden waren und geübt haben), im Alter zwischen 15 und 55, schätzungsweise. Wir gehen los, ich muss daran denken, immer schön die Knie zu heben. Die Straße ist nicht so eben wie der Boden im Laden, aber es geht, ganz gut sogar, erstaunlich gut, tirili! stolper Man darf sich nur nicht kurz mal nicht konzentrieren. Wir gehen an die Alster, die jungen Hüpfer machen unfassbar hohe Sprünge und Kunststückchen, die Anfänger sind noch im Laden und tun das, was ich gestern schon gemacht habe. Ich trappel ein bisschen abseits vor mich hin. Gehe, laufe ein bisschen, hüpfe. Setze mich mal kurz, das ist nämlich reichlich anstrengend. Der Herr im Laden hatte gesagt, man wäre insgesamt etwa drei Stunden unterwegs, da fange ich lieber rechtzeitig mit dem Pausemachen an. Jemand anders sagt, drei Stunden wäre ja wohl Quark, es würden eher so vier bis fünf, oder auch schon mal sieben. Sehr witzig.

Sollen sie doch sieben Stunden siebenmeilenspringen. Mir werden die drei schon reichen, hü-hüpf, es ist herrlichstes Wetter, blauer Himmel und Sonnenschein, die Alster glitzert, und es macht großen Spaß. Dann gehen wir weiter zum Rathausmarkt, und das ist eine. verdammt. lange. Strecke. Wir gehen zwar langsam, aber das ist anstrengend genug, ungewohnte Bewegungen, ungewohntes Balancehalten. Am Rathausmarkt legen die jungen Burschen erst richtig los. Haben die eine Energie. Verschiedene Fotografen werfen sich ihnen zu Füßen. Ich mache mal wieder Pause, liege auf einem breiten, hohen Brückenpfeiler, von dem ich auch gut wieder runterkomme. Denn sonst ist Aufstehen natürlich so eine Sache.
Und dann hüpfe ich noch ein bisschen auf dem Rathausmarkt herum, renne ein paar Schritte, mache wieder Pause. Ich wurde noch nie in so kurzer Zeit so oft angeguckt, angesprochen und fotografiert. Die jungen Hüpfer hüpfen kleine Choreographien, hier und da einen Salto, meterhohe Sprünge, Schrauben, Kunststücke. Alles sieht total leicht und einfach aus, wie schwerelos, während mir langsam jeder Muskel wehtut. Erstaunlicherweise vor allem die Bauchmuskeln. Und Rücken. Und Beine. Und alles. Überhaupt, mein Rücken. Wo ich gestern beim Fallen den Stoß bekam. Das fühlt sich jetzt nicht mehr so richtig gut an.
Vom Rathausmarkt aus kann man die Türme der Mundsburg sehen. Da in der Nähe ist der Laden, zu dem wir zurückmüssen. Verdammt weit weg. Genauer betrachtet ist es unfassbar weit weg. Unmöglich. Die Dinger an meinen Füßen sind nämlich inzwischen ganz schön schwer. Dann mal los. Die Cracks gehen noch weiter in die Hafencity.

Am Ende waren wir knapp fünf Stunden unterwegs. Wenn ich es richtig mitbekommen habe, bin ich von den Anfängern die einzige, die die komplette Zeit auf Siebenmeilenstiefeln verbracht hat, alle anderen haben zwischendurch getauscht und sind ein Stück zu Fuß gegangen. Also, auf ihren eigenen Füßen. Und gefallen bin ich auch nicht.
Ich platze vor Stolz.
Als wir wieder im Laden sind, lassen alle alles fallen, alle sind komplett fertig. Ich schaffe es irgendwie aus den Schuhen raus, ziehe mir ein frisches T-Shirt über und gehe. Erst im Bus fällt mir ein, dass mir unterwegs zwei Leute ein bisschen Geld geliehen haben, damit ich mir ein Eis und ein Getränk kaufen konnte. Falls Ihr das hier lest, Ihr beiden: tut mir leid, das wollte ich Euch doch im Laden wiedergeben! Total vergessen! Die Erschöpfung!
Zu Hause trinke ich mehrere Gläser Apfelschorle. Dann falle ich ins Bett, schlafe eine Stunde wie ein Stein und wache mit Kopfschmerzen wieder auf. Man kann doch keinen Sonnenstich kriegen, bloß weil man sich mal fünf Stunden in der Aprilsonne auf ungewohnte Weise bewegt? Für den Rest der Woche werde ich jedenfalls den Muskelkater aus der Hölle haben, das ist mal sicher. Und wahrscheinlich federt mein Bett heute Nacht genauso wie jetzt mein Schreibtischstuhl.

Kinder! Probiert das mal aus! Jeden Sonntag um elf Uhr ist Treffpunkt im Laden am Mundsburger Damm, dort bekommt man Stiefel geliehen, es kostet nichts und macht irren Spaß. Und irren Muskelkater. (Weitere Informationen gibt es hier und hier.)



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Fit und Well (9): Salzgrotte

Im Bus fällt mir ein, dass ich die Kamera vergessen habe. Das ärgert mich, mächtig, denn die Bilder im Internet sehen schon aus, als wäre das alles höchst fotografierenswert. Sowas Blödes!
Seit ich den Gutschein habe, schmecken meine Lippen, sobald ich daran denke, salzig. Die Psyche ist ein wunderliches Ding. Nach fast einer Dreiviertelstunde Fahrt steige ich bei der Manufaktur „Puschenalarm" aus dem Bus, gehe noch ein paar Schritte und bin da: bei der Hamburger Salzgrotte. Ich möchte „Kraft und Gesundheit tanken mit einer Brise Salz“. Oben im Laden gibt es Salzlampen, Salzklumpen zum Hinstellen, Klangschalen und Bilder von Engeln. Man kann sie kaufen. Die Engelmalerin macht auch Meditationen mit Engeln in der Salzgrotte. Sogar mit Erzengeln. Man kann auch Karten und Kissen mit Heilzeichen drauf kaufen, es liegen Flyer für Heilzeichenkurse und Persönliche Lichtwesenbilder und Herzensöffnung aus.
Ich glaube nicht an Engel, ich glaube an Salz. Salzhaltige Luft ist gut bei Atemwegs- und Hauterkrankungen, Menschen wurden schon immer zur Kur ans Meer geschickt, warum also nicht auch in die Salzgrotte. Allerdings bin ich gesund, ich brauche keine Kur, ich bin nur neugierig. (Zweitens hatte ich die Hoffnung gehegt, hier eine Salzmühle kaufen zu können, aber das ist vielleicht zu prosaisch.) Als ich ankomme, warten bereits vier alte Damen. Wir bekommen Plastiküberschuhe über unsere Schuhe, weil auf dem Boden auch Salz liegt, das unsere Schuhe kaputtmachen würde. Dann kriegen wir je zwei Decken und werden in den Keller geführt, wo aus Tonnenweise Salz aus dem Himalaja und dem Toten Meer eine Grotte gebaut wurde. Es ist ziemlich dunkel, ich hätte sowieso nicht fotografieren können. Die Decke ist recht niedrig, und es hängen Stalaktiten herunter, ich muss aufpassen, mir nicht den Kopf zu stoßen. Ein wenig Licht kommt hinter den Salzwänden durch, wie Salzlampen eben, und es stehen ungefähr sechs Liegestühle herum. Wir setzen uns, kippen die Liegen nach hinten, wickeln uns in Decken ein, und die Chefin wünscht mir und den fünf alten Damen gute Erholung und schöne Träume. Die Dame neben mir hat einen guten Grund, hier zu sein, sie hat etwas mit den Atemwegen. Der Weg die Treppe herunter hat sie angestrengt, jedes Ausatmen streift irgendwie ihre Stimmbänder, und sie stößt mit jedem Atemzug einen Laut aus.
Es läuft Entspannungsmusik, Synthesizergewaber mit Flöte. Zwischendrin rasselt der Atem meiner Nachbarin. Ich schließe die Augen, stelle fest, dass außerdem irgendwo Wasser plätschert, das hatte ich beim Reinkommen gar nicht gesehen. Hoffentlich muss ich gleich nicht aufs Klo, ich soll hier eine Dreiviertelstunde liegen bleiben. Musik und Beleuchtung, habe ich gelesen, erhöhen das Wohlbefinden. Ich frage mich immer, woher diese Legende mit der Musik kommt, ich würde Stille viel entspannender finden. Es könne sein, dass man heute Nachmittag hustet (meine Nachbarin hustet jetzt schon), dass man ein Kribbeln auf der Haut spürt, oder dass man öfter zur Toilette muss, weil die Lymphe angekurbelt würden, hatte die Chefin erklärt. Ich lecke mir über die Lippen und stelle fest: schmeckt gar nicht salzig. Das hätte ich erwartet, ist aber nicht so. Auch sonst, na ja, gut, dass Salz nicht stark riecht, weiß man auch so. Die Luft hier soll aber trotzdem total gesund sein. Meine Nachbarin fiept. Ich dämmere weg.
Huch! Mein Mund steht offen. Habe ich geschlafen? Habe ich am Ende gar geschnarcht, so wie meine Nachbarin? Immerhin habe ich nicht gesabbert. Besonders warm ist es nicht, ich bin froh, dass ich die Decken habe. Und so liege ich da herum, eine Dreiviertelstunde lang. Mehr gibt es nicht zu berichten. Ich huste auch jetzt noch nicht, meine Haut kribbelt nicht, ich habe mich bestimmt total entspannt und tolle Salzluft geatmet, „so wertvoll wie zweidrei Tage am Meer“. Ich fühle mich auch schon ganz erholt. Außer dass ich lieber die Wellen hätte rauschen hören statt der Entspannungsmusik, und lieber die Sonne als das Salzlampenlicht gesehen hätte. Aber sonst, dochdoch.

(Mehr Fit und Well)

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Fit und Well (8): Reiki

Ich probiere ja alles aus. Nicht, dass ich den Eindruck hätte, mit dem Energiefluss in meinem Körper würde etwas nicht stimmen, aber wenn ich schon eine Reiki-Therapeutin kenne, dann will ich natürlich auch wissen, was sie eigentlich macht.
Reiki ist universelle Energie. Ki ist die Energie, wisst Ihr wahrscheinlich, das ist dasselbe Ki oder Chi oder Qi, das auch in Qi Gong, Tai Chi und so weiter vorkommt. Beim Reiki wird mittels Handauflegen universelle Energie auf den Reiki-Empfänger übertragen. Die Energie stammt also nicht vom Reikigeber (was auch blöd wäre, denn das würde ihn auf die Dauer auslaugen), sondern der Reikigeber bildet sozusagen den Kanal für die universelle Energie. Er legt seine Hände auf bestimmte Punkte am Körper des Reikiempfängers, Punkte, die irgendwas mit den Meridianen und Chakren zu tun haben, lässt sie eine Weile dort liegen und führt ihnen Energie zu. So lösen sich Blockaden, und die Energie im Körper kann wieder frei fließen.
Soweit die Theorie. Und bevor hier Fragen aufkommen: dochdoch, ich bin noch bei Verstand. Und ich glaube durchaus nicht an universelle Energie, die durch ein kanalisierendes Medium auf mich übertragen würde. Aber ich glaube an Psychologie. Und an Physik. Nämlich: Wenn mir jemand eine Hand irgendwohin legt, dann wird es dort warm, das ist wohl unbestritten. Und Wärme ist Energie – ob die jetzt aus dem Universum kommt oder von der Physik, ist mir einigermaßen wurscht. Wenn mir jemand die Hand auflegt, wird es warm, und warm ist gut, alte Regel. Und Psychologie: Na, aber hallo ist das entspannend, wenn man eine Stunde lang ganz still da liegt, nicht schläft, aber auch nichts anderes tun kann als sich die Hände auflegen zu lassen. Eine ganze Stunde lang beschäftigt sich jemand mit mir und meinem Körper (ohne dass es mit Sex zu tun hätte), berührt mich sanft, spendet Wärme – meinetwegen auch kosmische Energie, letztlich ist das ja nur eine Frage der Terminologie – und ist ganz auf mich konzentriert. Das ist aber voll Psychologie! Es ist, anders gesagt, einfach unglaublich angenehm.
Da liege ich also, voll bekleidet und mit einer Decke zugedeckt. Sie fängt am Kopf an, das ist schon mal wunderbar, denn am Kopf angefasst zu werden, ist immer toll. Ich habe die Augen geschlossen, sie legt mir die Hände irgendwohin, und ich denke, ich hätte sie bitten sollen, die Meditationsmusik auszumachen, die finde ich nämlich doof, aber jetzt ist es zu spät. Und auch eigentlich egal. Ganz langsam arbeitet sie sich an meinem Körper hinunter bis zu den Füßen, an manchen Stellen fühlen sich ihre Hände viel schwerer an als an anderen. Ich hole tief Luft, mache zwischendurch kurz die Augen auf und schaue die Reikigeberin an, sie hat die Augen geschlossen und sieht konzentriert aus. Nein, ich muss nicht lachen. Ich liege auf der Klappliege, höre doofe Meditationsmusik, lasse mir die Hände auflegen und finde das nicht besonders spannend, aber tatsächlich sehr, sehr entspannend. Ich brauche ja nicht mal drüber nachzudenken, ob ich nicht vielleicht kurz in die Mails … nö, eine Stunde Stillliegen ist dran, ohne irgendwohin zu gucken, ohne zu schlafen, lesen, reden, sogar ohne zu denken. Nur liegen und Hände auflegen lassen. Physik und Psychologie. Oder universelle Energie.
Plötzlich ist die Stunde rum. Erstaunlich, wie schnell das geht, wo es doch gerade so angenehm war. Ich stehe von der Liege auf, lege die Decke ab, und urplötzlich wird mir ziemlich kalt. Die Reikigeberin sagt, ihr wird jetzt endlich wieder warm, sie habe nämlich an jeder Handposition einen Schwall Kälte von mir abgekriegt. Das erschreckt mich, ich habe nur Wärme gespürt; wie jetzt, Kälte? Von mir? Bin ich so kalt? Das, äh, wollte ich nicht so gerne hören. Neinnein, sagt sie, das bedeute nur, dass zwischen uns Energie geflossen sei, das sei ganz normal. Nicht ganz so normal sei, dass es bei wirklich sämtlichen Handpositionen so war, normalerweise sei es überall unterschiedlich. Wenn ich es schon interpretieren wolle, dann solle ich es so sehen, dass mein Energiehaushalt besonders ausgeglichen sei, denn es war überall gleich kalt.
Seitdem versuche ich, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich eben ein eiskalter Typ bin. Die Vorstellung macht mich ein bisschen unentspannt.

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Fit und Well: Hamam (2)

Wenn wir eh schon so viel Geld ausgeben, sagt A, dann können wir auch noch die zehn Euro für die Ganzkörpermassage drauflegen. Und da hat sie natürlich recht, macht ja fast gar keinen Unterschied.
Wir sind allein da. Es ist unglaublich warm, es kommt mir wärmer vor als sonst. Und dämmrig und dunstig. Es hallt, als wir die Wasserhähne aufdrehen und uns Wasser aus den Messingschalen übergießen, über die Beine, über die Arme, schließlich über den Kopf. Mir ist es schon gleich zu warm, ich lasse kühleres Wasser nachlaufen. Wann hat es eigentlich aufgehört, dass ich so gefroren habe? Früher war ich immer so durchgefroren und hatte das Gefühl, nie wieder warm werden zu können, das ist schon seit ein paar Jahren weg. Ach, herrlich, seufzt A.
Wir legen uns auf den riesigen beheizten Marmorblock unter der Kuppel. Und liegen so rum und werden schwer und träge und noch wärmer. Wir erzählen uns, was es Neues gibt. Und dann schweigen wir ein bisschen. Ach, herrlich, seufzt A. Wir gießen uns noch einmal kühleres Wasser über den Kopf, tauchen das Umwickel-Handtuch hinein und wickeln es uns wieder um, legen uns wieder auf den heißen Stein. Und erzählen uns Geschichten von Kunden und Kollegen. Ach, herrlich, seufzt A. Und gießen uns noch einmal Wasser über und legen uns wieder hin und erzählen uns Geschichten von Männern. Ach, herrlich, seufzt A. Wir gießen uns Wasser über. Es ist sehr, sehr warm. Und es macht Spaß, so mit dem Wasser herumzuplanschen wie die Kinder, einfach noch mehr Wasser über sich zu kippen, ach, herrlich. Und so warm. Draußen, denken wir, laufen die Leute alle durch Geschäfte und kaufen Weihnachtsgeschenke und haben Stress. Und wir liegen hier auf dem heißen Stein und haben es warm und nass und erzählen uns Geschichten von Leuten aus dem Internet. Ach, herrlich.
Als wir uns gerade wundern wollen, ob sie uns vielleicht vergessen haben, kommen zwei Tellaks herein, und wir werden auf die Waschtische gebeten.* Da liegen wir dann und werden mit einem kratzigen Handschuh abgerubbelt, die Haut löst sich in lauter kleine Ribbelchen auf, meist sagen sie einem dann, das liege daran, dass man so selten hingeht. Diesmal komme ich meinem Tellak zuvor, ich sage „dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass ich hier war“, da sagt er: „ach, das ist im Hamam immer so.“ Er schwappt mir die Ribbelchen mit viel Wasser weg, dann kommt der Seifenschaum, der so nach Zitrone duftet, und ich werde gewaschen. Das Waschen geht nahtlos in die Massage über, unglaublich, wo man überall verspannt sein kann, an den Fußmuskeln, an den Waden und an den Schienbeinen, warum macht es so viel Wohlschmerz, wenn er an meinen Schienbeinen hochfährt? Und wohin um alles in der Welt biegt er mein Bein, will er mir das ausrenken, aua!
Auf der anderen Schlachtbank stöhnt A.
Anderes Bein, gleiches Spiel, ich liege auf dem Bauch, er knickt meinen Unterschenkel nach oben und biegt ihn zur Seite, bis ich glaube, er renkt mir gleich das Bein aus. Dann mein Rücken, auauau, der Mann ist nicht zimperlich, drüben stöhnt A. Mein Tellak legt mir die Hand auf den Rücken und drückt schnell und plötzlich, zack!, es knirscht, ich hasse das, ich finde Einrenken grauenhaft, entsetzlich, ich habe Angst davor, es gibt tausenderlei sanftere Methoden. Es macht mir nichts, wenn es beim Massieren weh tut, im Gegenteil, aber bitte renkt mich nicht ein, niemals nicht.
Lockermachen. Ich soll mich umdrehen, der Zitronenschaum ist mächtig glitschig. Mein Tellak hält mich in einer fast zärtlichen Geste fest und passt auf, dass ich nicht vom Tisch rutsche. Drüben stöhnt jetzt As Tellak. Meiner massiert mir den Bauch, das fühlt sich sehr seltsam an. Dann geht er an meine Halswirbelsäule, da habe ich immer Probleme, vorsichtig, sage ich. Es tut unglaublich gut, wie kann es so gut tun, wenn einem einfach jemand am Kopf zieht? Nebenan ächzen A und ihr Tellak im Duett, scheint ordentlich Arbeit zu sein.
Der Masseur schiebt mir von oben die Hände unter den Rücken und drückt von unten gegen mein Körpergewicht an, meine Güte, was sind das alles für Knubbel in meinem Rücken? Dann legt er mein eines Bein über das andere und zieht in die eine Richtung, gleichzeitig den entgegengesetzten Arm in die andere Richtung, Dehnübung, gegeneinanderdrehen, und plötzlich macht er wieder zack! und es knirscht und er hat irgendwas eingerenkt, habe ich schon gesagt, dass ich das nicht leiden kann? Als dieselbe Übung auf der anderen Seite dran ist, merkt er schon, dass ich mich anspanne, locker bleiben, sagt er, und ich sage, das kann ich nicht. Aber statt zu sagen, ich möchte das wirklich nicht, sage ich nur, ich habe Angst, und da macht er zack!, und es knackt nicht, weil ich dagegengehalten habe. Der Tellak schüttelt den Kopf, das hat ihm nicht gefallen. Aber er versucht es nicht noch mal, Gott sei Dank. Drüben ächzt es.
Meine Arme, immer wieder streicht er mir die Arme entlang, massiert meine Hände, das ist alles so wunderbar. Und noch mal am Hals, und noch mal überall, eine letzte Ladung Seifenschaum, alles abwaschen und dann ist es leider schon wieder vorbei.
Wir sitzen noch lange im Ruheraum und sind gar nicht so ruhig. Träge wohl. Wir sind immer noch allein und erzählen uns Geschichten von Kunden und Kollegen, Männern und Frauen und Menschen aus dem Internet und Urlaubsreisen, und dazu trinken wir süßen Granatapfeltee.

(Schon älter: Hamam 1)

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Fit und Well (7): Bikram Yoga

Fünf Tage für fünf Euro. Ein Angebot, das man nicht ausschlagen kann. Außerdem habe ich noch nie Yoga gemacht, und schwitzen finde ich sowieso gut.
Bikram Yoga ist Yoga bei einer Raumtemperatur von 38 Grad. Celsius! Auf dem Flyer steht, man solle „leichte Sportkleidung“ tragen, anderthalb Liter Wasser mitbringen und sich darauf einrichten zu schwitzen. Ich trage eine knielange Laufhose und ein T-Shirt und bin damit hoffnungslos overdressed. Overdressed im Sinne von: viel zu viel. Es sind gut zehn Leute da, die Frauen haben ein bisschen was an, die Männer kommen gleich ganz nackt. Na gut: in einem kleinen Badehöschen. Ich bin zehn Minuten vorher im Saal, aus großen Heizlüftern wird unter beträchtlichem Getöse heiße Luft in den Raum geblasen. Aufwärmen durch Rumliegen, herrlich. Und dann ist es vier Uhr, die Trainerin kommt herein und fängt an, Anweisungen zu geben, und wird damit für die nächsten anderthalb Stunden nicht mehr aufhören. Die Heizlüfter rauschen, die Raumakustik ist weniger berauschend, die Trainerin spricht manchmal indisch, und wenn sie deutsch spricht, spricht sie Englisch und sagt zum Beispiel „Klasse“ zu einer Stunde, und „das Bein liften“. Wir fangen mit einer Atemübung im Stehen an, dann viele Balanceübungen. Ich dachte, so was könnte ich einigermaßen, aber Pustekuchen. Ich kippe immer um. Im Übrigen schwitze ich wie ein Schwein, der Mann neben mir tropft ebenfalls, dabei haben wir noch gar nichts Anstrengendes gemacht. Die Heizlüfter rauschen, es hallt, ich verstehe die Namen der Asanas nicht (ich verstehe oder weiß irgendwoher, dass die Übungen Asana heißen), und wenn ich sie verstünde, könnte ich nichts damit anfangen, ich kriege nur die Hälfte mit und gucke mir die andere Hälfte bei den anderen ab. Die Anweisungen kommen in einem einzigen Wortschwall, hebt-die-Arme-hoch-über-den-Kopf-Kopf-zwischen-die-Oberame-die-Finger-verschränkt-die-Zeigefinger-zeigen-nach-oben-streckt-euch-zur-Decke, was machen die anderen, es rauscht, ich hebe die Arme, und das. ist. verdammt. anstrengend. Nicht zu fassen, es kann doch nicht anstrengend sein, die Arme zur Decke zu strecken, nur wegen läppischer achtunddreißig Grad. Celsius.
Ich würde gern einen Schluck trinken, nein, ich würde gern viel trinken, aber es geht Schlag auf Schlag, eine Übung nach der anderen, die Entspannungsphase dazwischen dauert wenige Sekunden. Übung lösen, gerade stehen, nächste Übung. Dann endlich: Ihr könnt jetzt was trinken. Ich nehme meine Flasche, schraube sie auf, und als ich sie gerade an den Mund setze, kommt die Anweisung zur nächsten Übung, keine Zeit für mehr als ein paar Schlucke. Wir machen weitere Übungen im Stehen, mit Runterbeugen, zu den Seiten, nach Vorne, nach Hinten, immer wieder hängt der Kopf nach unten und beim Aufrichten macht mein Kreislauf schlapp, ich muss ein bisschen aufpassen, kurz mal Pause machen. Ich bleibe stehen, wie die Trainerin es mir geraten hat, gerade und mit hängenden Armen, jedes Anwinkeln kostet den Kreislauf zusätzliche Kraft. Und weiter geht’s, Übungen im Liegen, das Handtuch, auf dem ich liege, ist klatschnass, meine Klamotten auch. Warum um alles in der Welt habe ich eigentlich diesen Sport-BH angezogen? Den braucht man hier wirklich nicht, es wird nicht gehüpft, er ist viel zu dick und zu warm. Zwischendurch sekundenweise Entspannung, es gibt sogar ein indisches Wort für gerade auf dem Rücken liegen, und man darf die Augen nicht schließen. Meine gehen immer von selbst zu. Wenn man die Augen schließt, signalisiert man dem Körper, er könne sich jetzt ausruhen, und das macht das Weitermachen nur schwieriger, erklärt die Trainerin. Ich schwitze. Mir fallen die Augen zu. Nächste Übung. Kobra, Kamel, Kaninchen. Schwitzen, trinken, Rückenlage, Situp, schwitzen, trinken, Augen auf, schwitzen, schwitzen, Kreislauf. Jede Übung für sich wirkt nicht besonders schwierig, aber ist. das. warm. Und anstrengend.
Mit einer letzten Atemübung ist nach anderthalb Stunden Schluss. Wer will, kann gehen, und wer will, kann noch einen Moment liegen bleiben. Ich entscheide mich für Liegenbleiben, die Trainerin macht Musik an, manche gehen, ich liege da und werde urplötzlich und vollkommen unerwartet von einem Schluchzen geschüttelt, das ich gerade so weit unterdrücken kann, dass es niemand merkt. Mein Unterkiefer zuckt, mein Zwerchfell zuckt, mir schießen die Tränen in die Augen und mein Hals schnürt sich zu. Wäre ich allein oder beim Mann, würde ich hemmungslos weinen, aber ich bin nicht allein und nicht hemmungslos, es sind wildfremde Menschen um mich herum. Ich bleibe eine Weile liegen.

Am Duschraum steht, man möge bitte nur kurz duschen, der Umwelt zuliebe. Das finde ich ein bisschen niedlich, nebenan wird mittels elektrischer Heizlüfter Indien gespielt, und hier sollen wir umweltschonend duschen. Ich hätte mir das Duschen auch gleich ganz sparen können, denn ich schwitze sowieso für den Rest des Tages munter weiter.

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Fit und Well (6): Wie ich mal total cool und mutig war

Erst habe ich „au ja!“ geschrien, und dann habe ich sofort angefangen, mich zu fürchten. Ich habe mir die Sache vorsichtshalber schon mal im Internet angeguckt und dabei auch die Preise gesehen, und schon hatte ich eine prima Entschuldigung. 22,- € sind wohl ein super Grund, die Kinder allein klettern zu lassen und selbst schön unten zu bleiben und es lautstark zu bedauern, dass ich ja auch so gern würde, aber leiderleider, das ist doch einfach zu teuer. Und als wir dann da waren, war natürlich schon wieder alles anders, und natürlich wäre es total doof gewesen, die anderen klettern zu lassen und selbst am Boden zu bleiben und zuzugucken und mich zu langweilen. Man kann ja auch, wenn etwas zu gefährlich aussieht, einfach aufhören und es nicht machen. Dachte ich. Nun ist es aber so, dass man sich mit seinem Sicherheitsgurtzeug am Beginn jeder Tour in die Sicherheitsleine einhakt, und dann gibt es kein Zurück mehr. Man hängt dann an der Leine und muss weiter, komme, was wolle. Und nachdem die erste Tour wirklich, wie S. sagte, babyeierleicht war und auch nicht so hoch ging und so langsam das Vertrauen in das Sicherheitssystem wuchs, obwohl ich es gar nicht gebraucht hatte, versuchten wir die zweite, und S. protestierte und wehklagte und war beleidigt, dass sie für alle weiteren Touren zu klein ist und immer nur die beiden ersten machen durfte – die kann ich doch schon aaauswendig! – aber wir Großen, wir gingen auf die dritte Tour und dann auf die vierte. Hätte ich mir die vorher von unten angeguckt, aber gut, habe ich nicht. Und wenn man erstmal oben ist, irgendwo hoch oben zwischen den Bäumen, und hinter einem zwei vierzehnjährige Kletteraffen und vor einem die Freunde, dann fackelt man natürlich auch nicht mehr lange, man hat ja seinen Stolz. Und jetzt bin ich stolz und kann noch Euren Enkeln erzählen, was ich in meiner Jugend, so mit Anfang vierzig, für eine wagemutige Klettererin war. Und ja, ich würde es wieder tun. Auch wenn ich die fünfte Tour nicht mehr mitgegangen bin. Nächstes Mal vielleicht. Horrido.

Foto: Donald Wilckens

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Fit und Well (5): Limoncellomassage

Ich denke ja schon ein bisschen darüber nach, wie das ist, wenn man als Blogger zu irgendwas eingeladen wird – nicht direkt mit der Verpflichtung, hinterher etwas Nettes drüber zu schreiben, aber moralisch fühlt man sich dann eben doch gedrängt, und genau das ist ja auch Zweck der Sache. Jedenfalls war ich ins Meridian Spa Alstertal eingeladen, das ist eine sehr edle Wellness- und Muckibude. Ich meine, wenn man mich zu einer 50-minütigen Limoncellomassage einlädt, dann denke ich natürlich nicht ernsthaft über Käuflichkeit und Bloggerethik nach, sondern sage zu. Zur Strafe stehe ich dann hinterher ein bisschen blöd da, weil ich gar nicht recht weiß, was ich bloggen soll; der Abend war nämlich zu wenig durchorganisiert und daher etwas zäh. Ich war allein und bin erst ein bisschen in dem wirklich sensationellen, runden Pool geschwommen, mit einer Kuppel obendrüber, durch die man in den Himmel gucken kann, das ist wunderschön. Und dann bin ich doof herumgelaufen und habe ein bisschen geguckt, durch den Saunabereich und nach oben auf die Dachterrasse, aber ich hatte kein Buch dabei und wollte mich nicht auf einen Liegestuhl legen, ohne etwas zu lesen zu haben. Angeblich sollte es irgendwo Zeitschriften geben, aber ich habe keine gefunden. Und so habe ich durch doofes Rumeiern die Zeit bis zu meinem Massagetermin vertrödelt, selbst schuld vielleicht. Die Massage war dann haargenau das, was man nach so einem Buchabgabe-Endspurt gebrauchen kann. Fünfzig Minuten lang, fünfzig! Minuten! wird man von Kopf bis Fuß durchgeknetet und in eine Limone verwandelt, so was liebe ich ja sehr, man entspannt und entspannt und entspannt, wird immer noch ein bisschen weicher und ein bisschen schwerer und ein bisschen zufriedener. Meine Masseurin war wunderbar schweigsam, vielleicht weil ich auch so schweigsam war, was ja sonst nicht gerade meine Art ist, aber ich wollte einfach nur geknetet werden und weich werden und mich ihr ausliefern. Und das Limoncelloöl duftete so herrlich, und nach fünfzig Minuten möchte man eigentlich gar nicht, dass es schon zu Ende ist, vor allem möchte man nicht aufstehen und rausgehen in die Welt, man möchte eine Limone sein.
Draußen in der Welt saßen Erik, Svensonsan und The Maastrix, von denen einer auch schon in eine Limone verwandelt worden war und zwei noch darauf warteten. Warten war auch das, was wir für den Rest des Abends taten. Wir saßen auf der Dachterrasse und warteten darauf, dass die beiden anderen fertigmassiert wurden, wir warteten aufs Essen, wir warteten auf das Essen der beiden anderen, wir warteten darauf, dass etwas passiert, wir warteten, dass einer sagte, jetzt lasst uns wenigstens noch einmal fix in die Sauna gehen, und das taten wir dann auch, und dann mussten wir gehen, weil um 23.00 Uhr geschlossen wird und wir den Abend mit vielzuviel Warten vertrödelt hatten. Was zugegebenermaßen ein angenehmes Warten war, die Sonne ging unter, von der Dachterrasse aus kann man in den runden Pool hinunterschauen, wir waren mit Speisen und Getränken und netter Gesellschaft versorgt, aber es war eben doch ein Warten.
Sehr schade, ich habe das ganze Stockwerk mit den Geräten und den Kursräumen, den gesamten Sportbereich nicht mal gesehen, weil ich dachte, wir werden bestimmt noch herumgeführt und bekommen bestimmt noch Informationen, immerhin steht ja im Raum, dass wir drüber schreiben sollen. Und als ich abends dem Mann davon erzählte, wie hübsch dort alles ist und wie edel und wie schön und gepflegt, und er sagte, dann sei es doch bestimmt auch entsprechend teuer, musste ich sagen: keine Ahnung. Steht bestimmt im Internet.

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Fit und Well (4): Chinesische Massage
  • Oieau-massaj-tag?
  • Guten Tag, isabo hier, ich würde gern einen Massagetermin ausmachen.
  • Bann?
  • Ich bin ziemlich flexibel, wann …
  • Oide?
  • Heute? Äh, ja, warum nicht, gerne.
  • Bann?
  • Wann - äh, fünfzehn Uhr?
  • Bessa fiase?
  • Okay, vierzehn Uhr. Bis gleich.

Als ich ankomme, strahlt die chinesische Masseurin mich an, ruft freudig „Ha-o!“ und führt mich in den Massageraum. „A-es auzieh, nur ni wunahos, Bau lege“, weist sie mich an und verschwindet. Ich versuche es mit: alles ausziehen, nur nicht Unterhose, Socken und Uhr, und auf den Bauch legen. Fast richtig; Socken und Uhr hätten auch ausgemusst.
Sie wickelt mich erstmal von Kopf bis Fuß in Handtücher ein und massiert mich sanft ein bisschen durch die Handtücher durch, Nacken, Rücken, Po, Beine, Füße. „Deutse so swee-a!“ verkündet sie dabei, mehrfach, ja, denke ich, das höre ich, dass Deutsch schwer ist, Sprache schwer, Aussprache schwer. Sie nimmt das Handtuch von meinem Rücken, legt mir ein anderes über den Hinterkopf und reibt mir den Rücken mit Öl ein. Und massiert. Und knetet. Ihre Hände sind plötzlich aus Stahlbeton, meine Nackenmuskulatur leider auch, vor allem rechts, der Mausarm, und Stahlbeton auf Stahlbeton ist nicht so richtig angenehm, aua, aua, aua. „Deutse so swee-a!“- ruft sie. Das hält sie allerdings nicht davon ab, sehr viel zu sprechen, „immer dea und das, so swee-a“, erklärt sie, „ja“, sage ich, auch nur noch in Wörtern sprechend, statt in Sätzen, „die Artikel, sehr schwer“. Ich glaube, sie erzählt mir, was sie gestern in der Schule Schweres besprochen haben, „so swee-a, Zeht!“ – „Zeht?“, frage ich? „Zeht!“, ruft sie und probiert dann ein bisschen mit Vokalen und Erklärungen herum: „Zehte! Ze-ute? Kan-pin!“ ("Kambun" denke ich, so heißt auf Japanisch die klassische chinesische Schrift und Literatur, aber mein Japanisch hilft mir leider gerade kein bisschen), „Zette!“ –„Zettel?“, frage ich hoffnungsfroh, „Zeite!“, ruft sie, und endlich verstehe ich: „Die Zeiten! Ja, die sind auch sehr schwer im Deutschen! Verben! Haha, ja, die Zeiten!“ Sie amüsiert sich prächtig, „nein“, lacht sie, „ja, au so swee-a“, aber was sie meint, ist doch „Ze-te, Kan-pin-praße!“ Irgendwann verstehe ich. Zelten. Campingplatz. Wir sind beide total erleichtert, Zelten! Haha, ja! Campingplatz! Zelten, klar! So schwer!
Derweil hat sie den ersten Liter Öl in meinen Rücken massiert, und ich habe mehrfach gestöhnt, „tu weh?“, fragt sie dann und lacht und tut mir noch mehr weh. „Swei Tage Muskakata“, kündigt sie an, na meinetwegen, immer her damit, aua. Rechte Rückenhälfte, linke Rückenhälfte, plötzlich klettert sie auf die Liege und hockt sich auf mich, knetet weiter, dann wieder runter. Sie geht an meinen Hals, da bin ich empfindlich, ich kriege Gänsehaut und sage „uh, da kriege ich Gänsehaut“ - „was?“, fragt sie, „tu weh?“ - „nein“, sage ich, „aber das läuft mir durch den ganzen Körper“, woraufhin sie sich gar nicht mehr einkriegen will vor Lachen. „Das gut“, sagt sie, „löft ganse Köpa, hahaha.“ Sie arbeitet sich meinen Rücken hinunter, an manchen Stellen tut es höllisch weh, sie massiert mir den Po, „ni gut, imma sitze“, diagnostiziert sie, „ni gut füa Lücke, ni gut füa Po“, dann deckt sie meinen Rücken mit einem Handtuch zu und arbeitet sich weiter meine Beine hinunter, der nächste Liter Öl wird eingeknetet, ich fühle mich wie Kuchenteig (Quark-Öl-Teig). Schließlich die Füße, Gott, ist das wundervoll. Und sie ist deutlich stiller geworden. Nachdem sie mit meinen Füßen fertig ist, kommt sie wieder an meinen Kopf, dreht mir die Arme auf den Rücken, erst den einen, dann den anderen, drückt einmal drauf, „tu weh?“, ja, sehr, fasst mir unters Schulterblatt, dahin, wo es noch mehr weh tut, massiert mir dann den Arm und die Hand, dann die andere Seite. Und wieder an die schlimme Stelle, die rechte Schulter, ich stöhne auf, „tu weh?“, fragt sie und geht weg. Es rumpelt und pumpelt vor der Tür herum, dann höre ich sie wieder reinkommen, ich sehe sie nicht, ich gucke ja die ganze Zeit durch das Loch im Tisch auf den Boden, wo ich außer dem Parkett nur manchmal ihre sonderbaren Hausschlappen sehe, so eine Art mit Teddybärfell bezogene Gesundheitslatschen in billig, aber herrje, wer wird noch was über Asiaten und ihre Hausschlappen sagen wollen. Ohne jede Vorwarnung legt sie mir ein knallheißes, nasses Handtuch auf den Rücken, dann noch eins und noch eins. „Hei?“, fragt sie, „nee, super“, sage ich, sie packt auch meine Arme darin ein, ich weiß nicht, wie viele heiße, nasse Handtücher sie auf mir stapelt, wunderbar, „swee-a?“, fragt sie, „nee, super“, sage ich. Dann knetet sie mir wieder die Beine. „Tu weh?“ Ich habe jedes Zeitgefühl verloren, eine Stunde soll es insgesamt gehen, wie viel Zeit mag vergangen sein? Kann das bitte nie aufhören? Sie ist wahrhaftig nicht zimperlich, plötzlich tun mir sogar die Beine weh, obwohl ich da nie was hatte, aber wenn man fest genug knetet, tut irgendwann alles weh. Aua. Weitermachen. Sie schlägt mir auch die Beine in knallheiße Tücher ein, woah. Plötzlich kniet sie auf mir, drückt mir durch die heißen Handtücher die Knie in den Rücken, aua, ist. das. großartig.
Alles hat ein Ende. Sie packt mich aus den heißen Handtüchern aus und befiehlt „um-deh“. Ich drehe mich um, dafür muss ich mich ein bisschen mit den Armen abstützen, nicht zu fassen, ich habe den Muskelkater jetzt schon, meine Schultern schmerzen, unglaublich. „Tu weh?", fragt sie und prognostiziert „swei Tage Muskakata“. Is recht. Für die Gesichtsmassage zum Schluss ist leider kaum noch Zeit, halbe Minute vielleicht, schade.
Ich bin fix und fertig.

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Trapptrapp

Ich laufe los, der Funkwecker zeigt acht Minuten nach halb zwei, ich binde mir noch meine Armbanduhr um, damit ich unterwegs eine Vorstellung habe, wie lange ich schon laufe. Vorne an der Ecke fängt es an zu nieseln, fast kehre ich wieder um, aber da hört es auch schon wieder auf, ich verschiebe die Entscheidung, erstmal weiter, umkehren kann ich immer noch. Tatsächlich bleibt es den Rest der Strecke trocken.
In der Grünanlage sitzt, wie immer, der wirklich sehr heruntergekommene Stadtstreicher und ruft, wie immer, he, hallo, hast Du unverständlich, nein, rufe ich, ich hab nichts dabei. Als könnte er das nicht sehen, ich trage eine Laufhose und ein T-Shirt, was sollte ich dabeihaben außer meinem Hausschlüssel. Die Grünanlage zieht sich hin bis zum Park, so kann ich fast die ganze Strecke im Grünen laufen, kaum Straße dazwischen. Im Park angekommen gucke ich auf die Uhr, komisch, nicht mal zehn Minuten. Laufe längs durch den Park, am anderen Ende das Parks auf den Sportplatz. Eine Schulklasse ist dort, sie verteilen sich über die gesamte Breite der sieben Laufbahnen, stehen rum, machen mir aber freundlich Platz. Ich laufe eine Runde, die Schüler sortieren sich, wieder muss ich durch sie durch, jetzt geht es los, sie laufen jeweils zu zweit 400 Meter, eine Runde, auf Bahn zwei und drei, ruft der Lehrer mir zu, dann könne ich die Innenbahn nehmen. Wie nett. Dritte Runde, mich überholen zwei Schüler, ganz schön schnell, aber hey, die sind halb so alt wie ich und laufen nicht schon seit einer halben Stunde. Ich laufe auch nicht seit einer halben Stunde, komisch, zwanzig Minuten erst, es müsste doch schon viel mehr Zeit vergangen sein. Noch eine Runde, müsste die vierte sein, oder habe ich mich verzählt? Ich bin in Gedanken bei meinem Vortrag, den ich übermorgen halten muss, der mir seit Tagen Bauchschmerzen macht, so einen richtigen Klumpen im Magen, sodass ich plötzlich verstehe, wie Leute Magengeschwüre kriegen. Ich bin kurzfristig eingesprungen, habe mir überlegt, was ich sagen will, und wenn meine Zuhörer Ahnungslose wären, wäre das auch vielleicht ganz okay, aber es ist ein Vortrag vor Kollegen, die wissen das bestimmt alles selbst, was ich zu erzählen habe, ich bin ja nicht klüger als die, warum habe ich da bloß zugesagt? Dann hinterher der Workshop, das wird gehen, wir machen viel Textarbeit, das kann ich, und ich habe einige Übungen dabei, die ich schon mal mit einem Seminar gemacht habe, das wird laufen. Abregen, Magenklumpen weglaufen, alles wird gut, omm. Ich denke tatsächlich om mani padme hum, im Takt meiner Schritte, und muss lachen, was tut man nicht alles, um sich abzuregen und diesen Knoten im Bauch wegzurennen. Noch zweimal schlafen. Morgen fliege ich, vielleicht sollte ich mir einfach etwas drauf einbilden, sozusagen zum internationalen Übersetzer-Jetset zu gehören. Super. Ich bin im Flow, könnte einfach immer weiterlaufen, wie oft bin ich jetzt schon durch die Schulklasse gelaufen? Es waren doch sechs Runden, oder nicht, so viele bin ich noch nie gelaufen, trotzdem ist nicht mal eine halbe Stunde rum und sonst war ich immer länger unterwegs. Wahrscheinlich ist die Batterie meiner Uhr alle und ich bin in Wahrheit schon viel länger unterwegs, jaja, Wunschdenken. Aber ich bin doch auch nicht schneller gelaufen, na, egal, nach Hause jetzt. In der Grünanlage sitzt der wirklich sehr heruntergekommene Stadtstreicher und ruft he, hallo, hast Du unverständlich, nein, rufe ich, ich hab gar nichts dabei.
Ich laufe nach Hause, und als ich ankomme, zeigt meine Armbanduhr zehn nach zwei, ich bin gerade mal eine halbe Stunde gelaufen, das kann nicht sein, sonst war es immer viel länger, und ich war mindestens eine Runde mehr auf dem Sportplatz. Ich schließe die Tür auf und der Funkwecker zeigt vierzehn Uhr einunddreißig. Ich bin dreiundfünfzig Minuten gelaufen. Ha! So! Siehts! Aus!
Tatsächlich ist die Batterie meiner Armbanduhr leer, sie zeigt jetzt, um zwanzig nach vier, immer noch zehn nach zwei.

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Trapptrapp

Sagte ich Vorsätze, Schmorsätze? Naja, das war am zweiten März, heute ist der einundzwanzigste, ich war wieder laufen. An der Frequenz könnte man möglicherweise noch arbeiten, aber immerhin. Fürs Protokoll: Ich trug eine weiße Fleecejacke zur dunkelgrauen Tchibohose, schön ist das auch nicht, aber immerhin nicht ganz das gleiche wie der Mann.
Auf zweidrittel der Strecke sagt er, so könnten wir jetzt einfach noch eine Stunde weiterlaufen. Eine Stunde nicht, sage ich, aber vielleicht eine Runde, denn es geht mir gut, es läuft, ich höre die Vögel zwitschern und sehe die Blumen blühen, und wir kehren auf dem Sportplatz ein, an dem wir sonst nur vorbeilaufen und laufen dort eine Runde, und dann beschließe ich, dass eine Runde, also 400 Meter mehr als sonst, ja ein bisschen albern ist und ich ebenso gut noch eine laufen kann, und der Mann beschließt, ein bisschen schneller zu laufen, überhaupt ist das eine gute Idee, zusammen hinlaufen, und dann kann auf dem Sportplatz jeder sein Tempo machen und wir laufen zusammen wieder zurück, und nach der zweiten Runde beschließe ich, auch noch eine dritte zu laufen, an deren Ende hat der Mann mich dann auch wieder eingeholt und ist vier Runden gelaufen, und wir laufen zurück nach Hause und ich kann dabei immer noch sprechen, vielleicht bringt es doch was, nicht mehr zu rauchen. Am Ende tut mir nur ein wenig die Hüfte weh, aber ansonsten habe ich mich nicht über Gebühr verausgabt, und jetzt habe ich wieder Vorsätze, leider habe ich heute nicht auf die Uhr geguckt, aber ich bin einfach so 1200 Meter mehr gelaufen als sonst, haha, als ob es ein „sonst“ gäbe; ich schätze, es werden schon 45 Minuten gewesen sein insgesamt, vielleicht sollte ich es einfach mal versuchen, tatsächlich um die Alster zu laufen, das müsste doch ungefähr hinkommen. Die andere Frage, die sich aufdrängt, ist, ob ich jetzt zum zweiten Mal an diesem Tag dusche. Gut für die Haut ist das ja nicht.

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Trapptrapptrapp

Das letzte Mal ist fast ein Jahr her, damals hatte ich gute Vorsätze. Vorsätze, Schmorsätze. Seitdem ist viel passiert, vor allem ist viel nicht passiert, ich habe aufgehört zu rauchen, gelaufen bin ich kein einziges Mal mehr, ich habe den kompletten Winter über nur auf meinem stetig dicker werdenden Hintern gesessen und mich nicht bewegt. Keine Sorge, das wird jetzt kein Figurgejammer, das wäre auch albern, ich bin ja nicht dick, aber Tatsache ist halt, dass mir keine Hose mehr passt. Jenun, dafür rauche ich nicht mehr, und Röcke sind ja auch schön.
Jedenfalls sagt heute der Mann, ich geh laufen, und ehe ich michs versehe, sage ich, ich geh mit, und im selben Moment sucht mein Hirn schon fieberhaft nach einem triftigen Grund, warum ich keinesfalls heute laufen kann. Zum Beispiel weil morgen Steppen ist, zum zweiten Mal in der neuen Steppschule, ich habe nämlich gewechselt, und das macht ja einen ganz schlechten Eindruck, wenn ich da Muskelkater habe. Alte, das ist das Dämlichste, was Du seit langem gedacht hast, und Du hast viel Dämliches gedacht in letzter Zeit, Du bist ein faules Stück, sieh zu, dass Du Deine Laufhose angezogen kriegst. Da haben wir natürlich gleich das nächste Problem, und das ist jetzt wirklich ein Problem, die Winter-Laufhose mit passender Jacke ist von Tchibo, bzw. die Jacke passt zwar zur Hose, aber mir nicht, sie ist viel zu groß, warum habe ich die bloß so riesig gekauft?, und Tchibo wäre ja noch zu verkraften, was aber wirklich richtig schlimm ist: der Mann läuft im gleichen Ensemble. Da muss dringend was getan werden, wir können sonst nicht mehr im Winter zusammen laufen, das ist mir sogar peinlich, wenn wir niemand Bekanntem begegnen. Und alleine laufe ich nicht, weil ich, aber das erwähnte ich schon, eine faule Sau bin.
Natürlich bin ich schon an der Ampel aus der Puste und an der Ecke beim Rhythmus zwei Schritte einatmen und vier aus. An der nächsten Ecke begegnen uns die Nachbarn, die direkten Nachbarn, die mit der riesengroßen Fitnessstudiowerbung auf dem Auto. Sie sehen, dass wir Tchibo-Laufsachen im Partnerlook anhaben, wir können jetzt leider nie wieder nach Hause. Ich verbringe ein paarhundert Meter mit Schämen, dann fällt mir ein, dass Uncool ja das neue Cool ist, allerdings kann ich einen leisen Zweifel daran, dass das auch für Partnerlook gelten soll, nicht unterdrücken. Als nächstes fällt mir auf, dass ich zwar nicht mehr kann, aber nicht so sehr nicht mehr kann, dass ich wirklich nicht mehr könnte, sondern dass es im Gegenteil ganz gut läuft, haha. Ich bin immer furchtbar schnell aus der Puste, offenbar macht es auch keinen Unterschied, dass ich nicht mehr rauche, und dann habe ich das Gefühl, nicht mehr zu können, kann aber tatsächlich noch erstaunlich lange. Der reizende Mann läuft neben mir her, natürlich sehe ich ihm an, dass er eigentlich schneller laufen würde und eine weitere Strecke, aber er sagt, das mache gar nichts, und außerdem behauptet er, ich würde doch ganz fit aussehen. Das ist natürlich eine Lüge, ich weiß, dass ich eine knallrote Rübe habe, wird sich hübsch machen zu der grauen Tchibojacke. Und so sind wir schon am Park angekommen und laufen hindurch, und tatsächlich nehme ich sogar wahr, dass die Kroken blühen und die Vögel zwitschern, und als wir am Ententeich vorbeikommen, fange ich an, Element of Crime vor mich hinzudenken, ein Eiertanz, immer linksherum, ein halbwegs Erwachsener stellt sich dumm, am Ententeich, im Frühling im vorigen Jahr. Und schon sind wir durch und auf dem Rückweg, ich stelle erstaunt fest, dass mir das Knie nicht wehtut, dass ich keine Seitenstiche habe, dass mein Fuß nicht knackt, was ist denn bloß los mit mir? Dreihundert Meter vor der Haustür sagt der Mann, läuft doch super, ja, sage ich, erstaunlich, komm, sagt er, lass uns umdrehen, noch eine Runde. Mach doch, sage ich, aber gib mir vorher den Hausschlüssel, nee, sagt er, war nur Spaß, und dann biegen wir um die Ecke, es geht ein wenig hügelan und plötzlich erwischt uns Emma mit voller Wucht von vorn, die blöde Kuh, auf den vorletzten hundert Metern, und als wir zu Hause ankommen, bin ich sehr froh. Dass ich laufen war und dass ich jetzt wieder zu Hause bin. Tatsächlich könnte man bald die Runde im Park ein bisschen vergrößern, mit einer guten halben Stunde kann man ja nun niemanden beeindrucken, nicht mal mich selbst, und ich habe natürlich schon wieder Vorsätze, Schmorsätze. Zum Beispiel könnte ich mir vornehmen, es irgendwann um die Alster zu schaffen, das Problem ist nur, da müsste ich auch noch erst mit dem Fahrrad hin, und, schlimmer: auch wieder zurück. Schwierig. Aber mit dem Auto zum Joggen zu fahren ist selbst mir zu blöd, zumal wir gerade gar kein Auto haben. Bevor ich mich um die Alster traue, müsste ich sowieso erstmal Laufsachen kaufen, oder es muss halt Sommer werden. Wie weit mag das sein, einmal um die Alster?

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Fit und Well (3): Hamam

Es ist sehr warm, die Luft ist feucht, fast nebelig. Wir haben ein Handtuch zum Umwickeln bekommen, in rot, das steht für Verwöhnvariante drei. Alle sind unglaublich freundlich: Sind Sie zum ersten Mal hier? Ja, sind wir.
Ein Tellak, ein türkischer Bademeister, gießt uns aus einem Schälchen Wasser über den Kopf, drei-vier mal, dann lässt er uns allein. Wir können uns in einem Becken eine angenehme Temperatur mischen, uns mit Wasser übergießen und uns dann auf den heißen Stein legen. Ganz schön hart, so ein Stein. Und ganz schön warm. Noch einmal übergießen wir uns mit kühlerem Wasser und räkeln uns dann wieder auf dem Stein, einer riesigen Marmorplatte, warm, sehr warm. Ich stelle fest, dass man lustige Geräusche machen kann, wenn man auf dem Rücken liegt, die Füße aufstellt und das mit dem nassen Handtuch umschlungene Hohlkreuz gegen den Stein presst und wieder hochzieht, dann schmatzt und pupst es, und es ist ein lustiges Gefühl, wenn wieder Luft in den feuchten Hohlraum dringt. Wir kichern. Und werden träge. Entspannt. Alles so schön warm hier. Und plötzlich ist der Stein auch gar nicht mehr so hart. Ich muss ein bisschen auf meinen Kreislauf aufpassen, gieße mir noch einmal kühleres Wasser über den Kopf. Ach. Hach. Wir liegen auf dem Stein, die Freundin bringt mich auf den neusten Stand ihres Liebeslebens, und dann werden wir auch schon zur Waschung gebeten.
Hinter einer halbhohen Mauer stehen sechs oder acht Tische, ebenfalls aus Marmor, aufgereiht wie Schlachtbänke. Ein freundlicher Tellak begrüßt mich und bittet mich, das Handtuch ab- und mich auf den Tisch zu legen. Er selbst ist ebenfalls nur mit einem nassen Handtuch bekleidet, ich trage jetzt nur noch eine Badehose. Er übergießt mich noch einmal mit Wasser, dann streift er einen rauen Handschuh über und beginnt mit dem Körperpeeling. Von oben bis unten rubbelt er mich ab, ziemlich energisch, den Rücken, die Beine von hinten, mit dem kratzigen Handschuh, dann umdrehen und dasselbe auf der Vorderseite. Seltsames Gefühl, mich von einem fast nackten Fremden abschrubben zu lassen, aber sehr angenehm. Er legt meine Beine ein Stück weiter auseinander, um auch die Innenseiten abreiben zu können, ich atme einmal tief ein und lasse locker, lasse mich fallen und ihn machen. Wie wohltuend das ist. Ist total gesund, behauptet er, und dann sagt er, fühl mal, und legt meine Hand auf meinen Bauch: alles voller Krümel.
Dann werde ich gewaschen. Mein Tellak füllt einen feinen Baumwollsack mit Luft, hält ihn oben zu und drückt die Luft durch den Stoff unten wieder hinaus, und mit der Luft kommt ganz viel Schaum heraus, sehr feiner Schaum, der auf meinem Rücken liegen bleibt und mir langsam an den Seiten hinuntergleitet. Was für ein Gefühl. Hier ist wohl sein. Der Schaum duftet nach Zitrone und ist so fein und kribbelt so auf der Haut, und alles an mir ist so warm und weich, nur der Tisch, auf dem ich liege, der ist warm und hart. Mein Tellak wäscht mich, mit dem Schaum, von hinten und von vorne, ohne jede Ruppigkeit jetzt, fast liebevoll. Ich dufte nach Zitrone. Ein bisschen Schaum ist mir ins Gesicht geraten und rinnt anscheinend Richtung Mundwinkel, ich merke es nicht, ich merke es erst, als der Tellak sich über mich beugt, mir mit der Rückseite seines Zeigefingers sanft den Schaum von der Wange streicht, mir eine Tausendstelsekunde länger als nötig in die Augen schaut und leise lächelnd sagt: nicht essen.
Wieder legt er mir die Hand auf den Bauch und sagt: fühl mal. Meine Haut ist ganz weich, ich dufte, ich bin durchgewärmt und entspannt und ziemlich glitschig; beim Umdrehen hält er mich fest, damit ich nicht vom Tisch rutsche.
Und schließlich die Massage, anfangs denke ich noch, er soll mal nicht so zimperlich sein, aber da ist er noch dabei, das Öl auf meinem Rücken zu verteilen, und dann ist er natürlich überhaupt nicht mehr zimperlich, aua, und zwar keineswegs. Aua. Wohlschmerz hat das mal ein anderer Masseur genannt, diesen Schmerz, den man gerne hat, weil es genau da wehtut, und der Masseur genau da draufdrücken soll, weil der Schmerz so guttut, ja, aua, nicht aufhören, genau da, aua, mehr. Rrrrrrrr. Warm, weich und Wohlschmerz, kann das bitte nie aufhören?
Leider doch. Ich liege auf dem Rücken, der Tellak zieht noch einmal sanft an meinem Kopf, dehnt meine immer schmerzende Halswirbelsäule, auch das tut unendlich gut, zieht meine Arme lang nach oben, geht um den Tisch herum, umfasst meine Fußgelenke und zieht, streckt meine ganze Wirbelsäule, zieht mich auf dem Tisch hinunter zum Fußende, hilft mir, mich aufzusetzen, und jetzt macht dann doch mein Kreislauf schlapp. Der Tellak holt ein Schälchen mit etwas kühlerem Wasser, gießt es mir über die Beine, über die Arme, ganz vorsichtig, und nimmt schließlich richtig kaltes Wasser in die Hände und streicht es mir ins Gesicht, wie man ein trauriges Kind streichelt. Kann das bitte … ach, schade.

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Boah, ich, ey!

Wollen wir was echt Krasses machen, fragt der Mann.
Öh. Jetzt? Also, weiß nicht … Echt? Na gut.

Nach hundert Metern tut mir das Knie weh. Mist. Ich brauche außerdem eine Weile, bis ich den Atemrhythmus finde; alles, was ich je übers Laufen gelernt habe, ist das mit der Atmung, doppelt so viele Schritte ausatmen wie ein, ich atme drei Schritte ein und sechs aus, dann zwei und fünf, sehr bald bin ich bei zwei und vier. Zwei Schritte einatmen, vier Schritte ausatmen, ein ein aus aus aus aus ein ein aus aus aus aus, und kann an nichts anderes denken als an meinen Körper, einatmen, ausatmen, es ist warm, mir tut das Knie weh, kriege ich Seitenstiche? Nein, läuft gut, ich kann noch, Knie geht auch wieder, morgen wird’s trotzdem wehtun, aber jetzt geht es. Einatmen, ausatmen, siehste, sagt der Mann, läuft doch, na ja, sag ich, geht so. Einatmen, ausatmen, lieber nicht sprechen, atmen, Schritt, Schritt, Schritt. Jede Wette, dass mein Kopf knallrot ist, ich weiß nicht, ob ich die ganze Strecke schaffe, aber doch: es läuft gut, Knie geht wieder, ich habe schwere Beine, das schon, aber es läuft. Erstaunlich, dass meine Lunge das mitmacht, immer nur rauchen und nie Sport. Wir erreichen den Park, ich höre die Vögel nicht zwitschern und sehe die Blumen nicht blühen, ich konzentriere mich auf meinen Atem und meine Beine und meine Knie, höre meinen Fuß bei jedem Schritt knacken und meine Lunge pfeift gar nicht mal so sehr, und wir laufen längs durch den Park und sind schon auf dem Heimweg, na, vielleicht schaffe ich es ja doch.
Nach vierzig Minuten sind wir wieder zu Hause. Boah, sagt der Mann, da kannste mal sehen, wie langsam wir geworden sind. Das ist sehr reizend von ihm, denn er hätte natürlich auch schneller gekonnt. Nee, sag ich, da kannste mal sehen, dass ich noch vierzig Minuten am Stück laufen kann! Das ist ja wohl der Hammer! Ich bin jetzt sehr stolz auf mich und habe mal wieder gute Vorsätze, und morgen Muskelkater und Knieschmerzen.
Und wenn ich wieder ein paarmal gelaufen bin, werde ich auch die Vögel wieder zwitschern hören und die Blumen blühen sehen.

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Fit und Well (1): Spinning

Die Damen schwärmen immer wieder davon, und jedes Mal muss ich dran denken, wie eine Freundin mich mitnahm zum Spinning, komm doch mal mit, ist toll, die Fitnessstudiotante sagte, es gibt es nur Leute, die es lieben, und solche, die es hassen, dazwischen gibt’s nichts. Ich fand die Idee ein bisschen befremdlich, mich in einer Halle auf ein Fahrrad zu setzen, das nicht fährt, denn wenn ich Fahrrad fahren will, kann ich ja Fahrrad fahren, aber ich war dennoch guter Dinge und voll des guten Willens, und dann saß ich auf diesem Rad, die Füße festgeschnallt, Konsensmusik brüllte aus den Lautsprechern, und darüber schrie, krakeelte, kreischte eine Trainerin uns an und manchmal kreischten die sechs Damen, die da aufgereiht auf den Fahrrädern saßen, auch etwas mit, ich weiß nicht mehr was, es war anstrengend, ich schwitzte, aber dafür war ich ja da, das war in Ordnung, aber dieser Lärm dabei, und wie unsagbar verbissen die beiden Trullas ganz rechts den, haha, Berg rauf strampeln, ja, ihr seid toll, aber wisst Ihr was, das ist mir so was von egal, ich mach jetzt einfach kurz Pause, denn das Schlimme ist überhaupt nicht die Anstrengung, sondern die Haltung, ich kriege Rückenschmerzen, ja, Fahrrad falsch eingestellt, wird es da heißen, die Trainerin hat mir extra dabei geholfen, und noch viel schlimmer ist, dass die Füße so feststecken in diesen Schlaufen, dass man überhaupt keine Möglichkeit hat, sich auch nur eine Winzigkeit in eine andere Richtung zu bewegen, immer nur weitertreten, im Kreis, im Kreis, weiter, immer die eine Richtung, ich möchte meine Beine mal kurz strecken, kurz zur Seite drehen, geht nicht, weitertreten, los, reiß Dich zusammen, mach die Ohren einfach zu, ignorier das Geplärr, die Trainerin ist genauso verbissen wie die beiden ganz rechts, ich frage mich, ob das wirklich gesund sein soll, eine ganze Stunde lang in der immer gleichen Körperhaltung die immer gleiche Bewegung auszuführen, ich fühle mich unglaublich eingesperrt in diesen Fußschlaufen, nicht mal einen Zentimeter nach rechts oder links oder vorne oder hinten kann ich den Fuß schieben, Tretmühle, Laufrad, Galeere sind die Vokabeln, die mir durch den Kopf schießen, ich möchte meinen Rücken mal grade machen, mache ich auch einfach, natürlich packt mich auch der Ehrgeiz, klar fahre ich weiter, es ist immer noch nicht die Anstrengung, die mich nervt, sondern das Eingesperrte, ich kämpfe, nicht gegen den "Berg" oder meinen Körper, sondern gegen dieses Gerät, das mich festhält, einfach festhält, ich habe das Gefühl, ich kann mich überhaupt nicht wirklich bewegen, ein Alptraum, festgeschnallt mit nur einer einzigen Bewegungsmöglichkeit, und die führt nirgendwo hin, der reine Horror, und dann der Lärm, die Trainerin kreischt ja nicht nur so, sondern ist über ein Headsetmikro mit der Anlage verbunden, wie idiotisch ist das denn eigentlich, sollen sie die Musik halt nicht so laut machen, dann müsste das Gekreisch nicht auch noch verstärkt werden. Ich werde immer wütender, was mache ich hier eigentlich, warum kann ich meine Füße nicht bewegen, meine Beine auch nicht, nur immer rund, warum bin ich in diesem Gerät eingesperrt, ich habe doch mein eigenes Fahrrad, damit kann ich durch den Wald fahren und die Vögel zwitschern hören. Es dauert ewig, bis die Stunde vorbei ist.
Na, hat's Dir Spaß gemacht, fragt die Trainerin mich hinterher, ich schaue sie fassungslos an und sage nein, grässlich, da ist sie beleidigt und ich gehe in die Sauna und muss mich zwingen, langsam von meiner aufgestauten Wut wieder runterzukommen, ich bin stocksauer, nicht auf die Trainerin, sondern auf diese ganze bescheuerte Fahrradfahrerei, dieses alptraumhaft Eingesperrte, entsetzlich, und da heißt es immer, Sport würde Endorphine freisetzen und man könne sich seine Wut vom Leib strampeln, ha, genau das Gegenteil ist passiert, ich war gutgelaunt angekommen und werde jetzt für den Rest des Tages diese Wut nicht mehr richtig los. Drüber lachen kann ich erst am nächsten Tag wieder.

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